Ende der Durststrecke?

Allianz Gruppe

Martin Bruckner
Martin Bruckner, Vorstandssprecher der Allianz Investmentbank AG und Chief Investment Officer der Allianz Gruppe in Österreich

Laut der Allianz Studie sind die Tage der extremen Niedrigzinsen vorbei, eine geldpolitische Normalisierung steht bevor. Für Europas Privathaushalte und Unternehmen, die in den vergangenen Jahren ihre Schuldenlast erheblich reduzieren konnten, bestehe durch den erwarteten Zinsanstieg jedoch kein Grund zur Beunruhigung. Die zusätzliche Zinslast bleibe für den Privatsektor in der Eurozone durchaus tragbar, die Gefahr einer Rezession bestehe nicht. „Im Markt nehmen daher die Befürchtungen zu, dass der Ausstieg aus den Nullzinsen zum Kollaps der Wirtschaft führen könnte – die auf Schulden gebaut und deren Akteure mittlerweile abhängig von der ‚Droge‘ des billigen Geldes seien. Aber diese Ängste sind übertrieben“, kommentiert Dr. Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz, die Studie. In Österreich dürfte der erwartete Anstieg der Zinszahlungen bis 2022 stärker als in den meisten anderen Ländern ausfallen. Im wahrscheinlichsten Szenario einer sanften Normalisierung würden die Zinszahlungen um rund 6 Mrd. Euro steigen. Bezogen auf die Wirtschaftsleistung – 1,1 Prozentpunkte des BIP – ist dies nach Portugal der kräftigste Anstieg in der Eurozone. Derzeit profitiert Österreich noch stark von seinem Status als stabiles „Euro-Kernland“, die Zinsen sowohl für Haushalte als auch Unternehmen liegen deutlich unter dem Euro-Durchschnitt. „Mit Fortsetzung der Erholung im Euroraum dürfte sich dieser Zinsvorsprung aber wieder zurückbilden, das heißt die österreichischen Zinsen nähern sich wieder dem Durchschnitt an“, erwartet Martin Bruckner, Vorstandssprecher der Allianz Investmentbank AG und Chief Investment Officer der Allianz Gruppe in Österreich.

Heimische Privathaushalte und Unternehmen haben von Niedrigzinsen besonders profitiert

Zuletzt hatte der heimische Privatsektor besonders stark von den Niedrigzinsen profitiert. Die Zinszahlungen gingen von über 17 Mrd. Euro anno 2008 auf knapp 8 Mrd. Euro im vergangenen Jahr zurück. In Prozent des BIP bedeutet dies einen Rückgang um 3,7 Prozent und damit um 0,3 Prozentpunkte mehr als im europäischen Schnitt. Im gesamten Euroraum sind die privaten Schulden, gemessen an der Wirtschaftsleistung, seit Ende der „Nuller-Jahre“ um 16 Prozentpunkte zurückgegangen. Die jährlichen Zinszahlungen reduzierten sich zwischen 2008 und 2016 um rund 300 Mrd. Euro; in kumulativer Rechnung „sparte“ der Privatsektor etwa 1.550 Mrd. Euro in dieser Zeit. Am stärksten profitierten von den Niedrigzinsen private Schuldner in Irland, Spanien und Portugal, wo sich die Schuldendienstquote um rund 7 Prozentpunkte absenkte. „Am Ende des Tages sind steigende Zinsen natürlich keine willkommene Neuigkeit für private Schuldner“, betonen die Studienautoren der Allianz: „Haushalte und Unternehmen in den einzelnen Euroländern werden davon in unterschiedlichem Ausmaß betroffen sein. Unterm Strich sei der Privatsektor in ganz Europa aber in der Verfassung, diese Belastung zu verkraften“, heißt es in der Allianz Studie.