Internationaler Versicherungs­markt

Allianz Global

Martin Bruckner
Martin Bruckner (© Allianz)

Das globale Prämienvolumen erreichte im vergangenen Jahr ein neues Rekordniveau: Insgesamt stiegen die Versicherungsprämien weltweit (ohne Krankenversicherung) im Jahr 2017 um 3,7 Prozent auf 3,66 Billionen Euro, Tendenz weiter steigend. Dies geht aus einer aktuellen Hochrechnung von Allianz Research hervor. „Zur positiven Prämienentwicklung trugen nahezu alle Regionen bei, die Wachstumsdiskrepanz zwischen Schwellen- und Industrieländern bleibt dennoch eklatant“, erklärt Prof. Dr. Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz SE. So gingen beinahe 80 Prozent des vorjährigen Prämienwachstums in Höhe von rund 130 Milliarden Euro (Sparte Schaden/Unfall und Leben) auf das Konto der Schwellenländer, zwei Drittel davon wiederum entfielen auf China.

Globale Versicherungsdurchdringung sinkt

Das Wachstumstempo der Prämieneinnahmen hat sich weltweit gegenüber dem Vorjahr (+ 2,9 Prozent) zwar leicht beschleunigt, blieb aber das zweite Jahr in Folge hinter der Expansion der Wirtschaftstätigkeit (+ 5,9 Prozent nominales Wachstum) zurück. Die Versicherungsdurchdringung (Prämien in Prozent des BIP) ist auf 5,5 Prozent gesunken, den tiefsten Wert in den letzten 30 Jahren. „Es ist eigentlich eine paradoxe Situation: Die Risiken in der Welt nehmen ständig zu, doch die Menschen geben weltweit einen immer geringeren Anteil ihres Einkommens für ihre Absicherung aus“, kommentiert Heise. „Es bedarf einer großen gemeinsamen Anstrengung von Politik und Industrie, dieses ‚protection gap‘ wieder zu schließen.“

Schaden/Unfall: Schwellenländer sind Wachstumstreiber Nr. 1

Das Segment Schaden/Unfall gab im letzten Jahr den Ton an, wie ein Blick auf die einzelnen Sparten zeigt: Mit 5,0 Prozent wuchs es im vergangenen Jahr nicht nur fast doppelt so schnell wie die Sparte Lebensversicherung, sondern verzeichnete auch den größten Anstieg seit dem Jahr 2012. Während die Prämien in den Schwellenländern um 11,6 Prozent in die Höhe schnellten, schafften die Industrieländer gerade einmal ein Plus von 3,5 Prozent. Deutlich hinter diesem Wert zurück bleibt Westeuropa: Das Beitragswachstum erreichte 2017 nur 2,0 Prozent, nach einem Nullwachstum in den westeuropäischen Märkten im Jahr davor bedeutet dies aber immerhin den zweithöchsten Wert seit 2007. Dank der robusten wirtschaftlichen Entwicklung schnitt dabei der österreichische Markt in den letzten beiden Jahren überdurchschnittlich gut ab: 2017 wurde ein Wachstum von 3,3 Prozent erzielt, nach 1,6 Prozent im Jahr zuvor.

Globaler Lebensmarkt fällt zurück

Die Lebensversicherungsprämien verzeichneten auf globaler Ebene mit 2,8 Prozent einen deutlich niedrigeren Zuwachs. Geschuldet ist dies in erster Linie der immer noch schwachen Entwicklung in Westeuropa, wo beinahe 30 Prozent der weltweiten Beitragseinnahmen gezeichnet werden. Nach einem Minus von 2,2 Prozent im Jahr 2016 schlägt auch 2017 noch eine rote Null zu Buche. Ende letzten Jahres lag das regionale Prämienvolumen damit immer noch um fast 5 Prozent unter dem Vorkrisenhöchstwert aus dem Jahr 2007; die Versicherungsdurchdringung ist in diesem Zeitraum von 5,6 Prozent auf 4,4 Prozent zurückgegangen. In Österreich verlief die Entwicklung noch schwächer, in den letzten beiden Jahren schrumpfte der Lebensmarkt um insgesamt 14 Prozent, und die Durchdringung fiel auf 1,6 Prozent. In Westeuropa geben nur die Griechen relativ noch weniger Geld für die Absicherung von Lebensrisiken aus. Auch in einigen anderen entwickelten Volkswirtschaften waren 2017 Prämienrückgänge zu beobachten, etwa in Australien (-18,2 Prozent), Japan (-11,3 Prozent) oder Südkorea (-4,9 Prozent). Insgesamt schrumpften daher die Prämieneinnahmen in den Industrieländern in der Sparte Leben 2017 um 0,5 Prozent.

Ganz anders dagegen die Schwellenländer: Hier legten die Prämien insgesamt um 17,2 Prozent zu. Vor allem China gilt hier als Wachstumstreiber: Von den rund 60 Milliarden Euro an zusätzlichen Prämien in der Sparte Leben entfielen rund 80 Prozent auf den chinesischen Markt. „Zwar sind die Lebensversicherungsmärkte in den letzten Jahren deutlich volatiler geworden, der Trend aber ist dennoch eindeutig und beunruhigend: Während der voranschreitende demographische Wandel keinen Zweifel an der Notwendigkeit privater Vorsorge zulässt, nehmen die langfristigen Sparanstrengungen offensichtlich ab“, kommentiert Martin Bruckner, Chief Investment Officer der Allianz Gruppe in Österreich. Ursächlich hierfür wären unter anderem die schwere Wirtschaftskrise in vielen europäischen Ländern sowie die Niedrigzinspolitik der EZB. „Es ist daher höchste Zeit, den Krisenmodus zu verlassen – im Interesse der jungen Generation, die auf private Rücklagen im Alter in viel stärkerem Maße angewiesen sein wird als die heutige Generation der Pensionisten“, so Bruckner.

Ausblick: Weiteres Prämienwachstum erwartet

Für die Zukunft rechnet Allianz Research mit einer weiteren Erholung der Versicherungsmärkte: Das Prämienwachstum dürfte sich in der nächsten Dekade auf rund 6 Prozent beschleunigen. Besonders ausgeprägt wird sich diese Entwicklung in den Industrieländern zeigen, nicht zuletzt in Westeuropa: Nach dem Nullwachstum der letzten zehn Jahre sollten in Zukunft die Prämien wieder mit durchschnittlich knapp 3 Prozent pro Jahr zulegen. Dies entspricht auch den Wachstumserwartungen für den österreichischen Markt. Die Sparte Leben (+6,4 Prozent p.a.) sollte dabei auf globaler Ebene wieder etwas schneller als die Sparte Schaden/Unfall (+5,4 Prozent p.a.) wachsen. Die Gewichtsverschiebung zugunsten der Schwellenländer wird sich auch in den nächsten Jahren unvermindert fortsetzen. Ende der 2020er-Jahre dürften etwa knapp 40 Prozent der globalen Prämieneinnahmen in diesem Länderkreis gezeichnet werden; vor 10 Jahren lag dieser Wert noch unter 10 Prozent. An der Spitze werde es dabei zu einer historischen „Wachablöse“ kommen, prognostizieren die Allianz Experten: China werde die USA, die derzeit noch uneingeschränkt dominieren, als größten Versicherungsmarkt überholen.