Im Westen nichts Neues

von Mario Passini

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Es lebt sich gut in Kontinentaleuropa. Das ist die jetzt gültige Bezeichnung. Großbritannien hat sich ja vom Kontinent verabschiedet. Man mag von der EU halten war man will. Nur wenige werden sie wohl wirklich missen wollen. Sie ist Garant für Wohlstand und Sicherheit. Natürlich, alles kann immer besser sein. Man sollte aber Kritik und Kritiker hinterfragen. Warum manche die EU ablehnen hat oft wohl innenpolitische Gründe. Selbst in England. Doch dort reklamiert man jetzt schon: Europa braucht Britannien! Europa? Sagten die Briten nicht, sie seien Europäer. Mein Gott, die haben ja uns verlassen. Die Nabelschnur ist noch gar nicht abgetrennt plagt sie schon Trennungsschmerz? Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. Der selbstzufriedene Mitteleuropäer sollte seinen Augenmerk auch mal auf eine andere Weltregion richten. Nach Fernost.

Seit in China die herrschende Partei, die KPCh, mit Deng Xiaoping einen politischen Schwenk vollzog, hat der Wohlstand massiv zugenommen. Jetzt ist China dabei die USA auch auf dem Gebiet der militärischen Technologie einzuholen. Der Aufstieg Chinas zur mächtigsten Nation geschah vom Westen her eher unbemerkt. Zweieinhalb Jahrzehnte war China geduldig und eroberte kleine Uferstreifen im Südchinesischen Meer nach und nach zurück. Sie taten es, weil sie es können. Niemand in der Region ist mächtig genug sie aufzuhalten. Und für den Westen, sprich Amerika, waren die kleinen Landgewinne kein Grund um eine Auseinandersetzung zu beginnen. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo sich Peking stark genug fühlt den Blick auf Taiwan zu richten.

Bei seinem Besuch in Taiwan drohte Robert O’Brien, der nationale Sicherheitsberater der USA, Mitte Oktober, mit einer legitimen und notwendigen Reaktion, sollte China versuchen Taiwan anzugreifen. Ausgelöst hat die Spannungen zwischen den beiden Ländern ein Waffenabkommen zwischen USA und Taiwan, das von Peking als Bedrohung angesehen wird. Es umfasst ein von Boeing hergestelltes Harpoon Coastal Defense System, Raketenartillerie, Sensoren und Raketen. Bei seinem nachfolgenden Besuch in der Hauptstadt der Philippinen, Manila, sagte O’Brien gegenüber der Presse: „Ich kann mir nichts vorstellen, was eine größere Gegenreaktion gegen China auf der ganzen Welt hervorrufen würde, wenn sie versuchten mit militärischer Gewalt gegen Taiwan vorzugehen.

Das löste eine wütende Reaktion des chinesischen Präsidenten Xi Jinping aus, der den Truppen auf einer Militärbasis sagte, sie sollten „alle ihre Gedanken und Energie in die Vorbereitung auf den Krieg stecken“. China schickte Kampfflugzeuge in die Nähe der Insel. Videoaufnahmen von chinesischen Marinechefs veröffentlicht, zeigen Landungsoperationen amphibischer Landungsboote, die gepanzerte Fahrzeuge und Truppen entladen, während kombinierte Streitkräfte einen nicht genannten Strand vor der Küste der südlichen Provinz Guangdong stürmen. Die Zeitung der Kommunistischen Partei Chinas, die Global Times, schreibt, die Übungen würden bis Ende des Monats (Oktober) laufen und seien ein Zeichen dafür, dass Peking sich auf Konflikte an mehreren Fronten vorbereite und weiter, die Zentrale Militärkommission unter dem Vorsitz des chinesischen Führers Xi Jinping habe der Volksbefreiungsarmee (PLA) befohlen, ihre gemeinsamen Kampffähigkeiten zu verstärken. Peking hat nie ausgeschlossen, dass militärische Gewalt zur Wiedervereinigung der selbstverwalteten, demokratischen Insel Taiwan eingesetzt werden kann.

Auch Russland spielt mit: Das russische Verteidigungsministerium meldete am 25. November um 6.17 Uhr Ortszeit, die USS John S. McCain, die vor einigen Tagen in das Japanische Meer eingedrungen sei, habe die Hoheitsgewässer des Landes verletzt und „die Seegrenze um zwei Kilometer überschritten“. Das russische Verteidigungsministerium sagte in einer Erklärung: „Der U-Boot-Zerstörer Admiral Vinogradov der Pazifikflotte nutzte einen internationalen Kommunikationskanal, um das ausländische Schiff zu warnen, dass solche Aktionen inakzeptabel seien und der Übertreter mit einem Ramm-Manöver aus den Hoheitsgewässern des Landes vertrieben werden könne“. Nachdem die Admiral Vinogradov ihren Kurs änderte, folgte die USS John S. McCain diesem Beispiel und kehrte in internationale Gewässer zurück. Dies war bereits der zweite alarmierende Zusammenstoß zwischen russischen und US-Marineschiffen innerhalb von 24 Stunden,

Peking ist hellwach. Und könnte zurückholen, was – nach eigener Logik – eigenes Land ist. Die Spannung steigt. Kriegerische Vorfälle häufen sich. In den USA und Taiwan spricht man von Invasionsplänen und rüstet auf. Doch gegen die schiere Übermacht der chinesischen Volksarmee sinken Abwehrchancen. Zwar liegen rund um Taiwan mehr atomar angetriebene Flugzeugträger als Ruderboote auf der alten Donau, doch – noch einmal – gegen die schiere Übermacht der chinesischen Kriegsmaschinerie ist man eher auf verlorenem Posten. Auch England will mit abwehren. Anfang 2021 schickt es seinen neuesten Flugzeugträger, die HMS Queen Elizabeth in die Region. Ein Riesentrum, der größte europäische Träger, knapp 70.000 t schwer und über acht Milliarden Euro teuer. Er kann auch gegen Extremisten eingesetzt werden, meint Kapitän Simon Petitt. Also, ob das Schifferl bis zum Schwedenplatz…? Der Träger ist noch keine vollkommene Bedrohung. Es fehlen noch die für einen Träger notwendigen Flugzeuge. Die Fachpresse schreibt, allein ein so ein Flieger koste um die hundert Millionen Pfund (Guardian). Navy-Experten anderer Nationen wiederum sagen, der Träger habe eine so hohe Radarsignatur, dass selbst eine ungelenkte Drohne nicht daneben zielen kann. Was bleibt ist ein Atomschlag. Das weiß auch China und hält sich – noch – zurück.

Wir Kontinentaleuropäer lehnen uns zurück und genießen Friede, Freiheit, Wohlstand. Corona eher nicht. Wir leben nach Goethes Worten: „Wenn hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinanderschlagen, steht man am Fenster, trinkt sein Gläschen aus…. kehrt froh nach Haus und segnet Fried und Friedenszeiten.“ Gediegen, Goethe halt. 2020 zu kurz gedacht. Zynisch könnte man sagen, machen wir uns keine Sorgen. Heutige Raketen brauchen höchsten zwanzig bis dreißig Minuten bis zu uns. Von den neuen Hyperschallwaffen, bis zu achtmal schneller, erst gar nicht zu reden. Streiten wir in Europa also lieber weiter darum, ob die Bürokratie in Brüssel unverhältnismäßig groß ist. Gecheckt: In manch europäischer Großstadt gibt es mehr davon.

Quellen: The Global Times, The Independent, Guardian, New York Post, Die Zeit, Daily Mail, The Telegraph, Andrew Milligan, Wikipedia, Google, Stars and Stripes, The Atlantic, Los Angeles Times, u.v.a