Antizyklische Aktieninvestments in der Corona-Panik

von Michael Kordovsky

Ein völlig unerwartetes Ereignis, nämlich die Corona-Epidemie, hat dem jüngsten Höhenflug der Aktienmärkte ein Ende gesetzt. Nun sind Regierungen und Notenbanken in Alarmbereitschaft und der Richtungspoker an den Finanzmärkten hat gerade erst begonnen. risControl zeigt 2 mögliche Szenarien und passende Anlagestrategien.

Seit Jänner breitete sich in China eine neue Lungenkrankheit aus, auf die die Regierung in Peking mit drastischen Eindämmungsmaßnahmen reagierte und insgesamt die Reise- und Bewegungsfreiheit von 760 Millionen Einwohnern einschränkte. In der Folge stehen in China die Bänder still, zahlreiche Flüge sind eingestellt und eine Kettenreaktion durch die Unterbrechung globaler Lieferketten nimmt ihren Verlauf. Bis Erscheinungstermin dieser Ausgabe dürfte sich der Nebel immer mehr lichten und das wahre Ausmaß des Schadens ans Tageslicht kommen. Doch eine erste Einschätzung von Volkswirten lässt nichts Gutes erahnen: Die OECD betrachtet das Coronavirus als „die größte Gefahr für die Weltwirtschaft seit der globalen Finanzkrise“ und rechnet selbst im günstigsten Fall einer nur schwachen Virusverbreitung über China hinaus (daran lässt sich bereits per 4. März zweifeln) damit, dass sich das weltweite Wirtschaftswachstum in der ersten Jahreshälfte voraussichtlich stark verringern wird. Von 2019 auf 2020 sollte sich das Weltwirtschaftswachstum von 2,9 auf 2,4% abschwächen, wobei die OECD-Volkswirte Chinas Wachstumsaussichten von 6,1% im Jahr 2019 für heuer auf deutlich unter 5% absenken. Hingegen eine breitere Ansteckungswelle im Asien-Pazifik-Raum und den Industrieländern könnte das globale Wachstum auf 1,5% reduzieren – so die Einschätzung der OECD.

Welche Börsenszenarien sind denkbar?

Nach der schnellsten nachweisbaren Kurskorrektur der Geschichte und einer extrem schnellen Reaktion der Finanzminister und Notenbankchefs der G7-Staaten, die sich im Zuge eines Emergency Calls am 3. März handlungsbereit zeigten, sowie einer Notfalls-Zinssenkungsentscheidung der Fed, die ihren wichtigsten Leitzins um 0,5 Prozentpunkte auf 1,00 bis 1,25% zurücknahm, setzten die Märkte zu einer Gegenbewegung an.

Szenario A: Doppelhoch und erneuter Abverkauf

Unter Umständen ist bis zum Erscheinungstermin im S&P 500 Index bereits eine V-förmige Erholung abgeschlossen. Doch Vorsicht. Ein Happy End ist noch weit entfernt. Wie so oft nach langjährigen Bullenmärkten kann sich durchaus ein Doppelhoch ausprägen, ehe eine erneute Verkaufswelle einsetzt, denn erst in einer gewissen Zeitverzögerung kommen die Corona-Schäden der Firmen ans Tageslicht und es dürfte eine Reihe an Gewinnwarnungen geben, die jederzeit einsetzen können. Im Chart würde sich dann eine M-Formation bilden. Strategie: (Physisches)Gold und Silber als Basisinvestment und Absicherung halten. Auch eine Ankerposition an Gold- und Silberminentitel sollte im Portfolio nicht fehlen. Abgedeckt werden kann dieser Teil mit einem ETF auf den NYSE ARCA Gold Bugs Index. Gold profitiert vom Gelddrucken der Notenbanken und den derzeit historisch niedrigen Zinsen, insbesondere von Renditen zehnjähriger US-Treasuries von nur noch 1% oder minus 0,6% bei laufzeitkongruenten deutschen Bundesanleihen.
Ansonsten ist es wichtig, ausreichend Cashreserven zum Kauf von Qualitätsaktien bereitzuhalten. Das sind Aktien von Unternehmen, die relativ unabhängig von der Konjunktur ihre Geschäfte machen. Dazu gehören Pharmawerte wie Roche, Novartis und Sanofi oder solide Biotech-Firmen wie Gilead Sciences (u.a. Medikamente gegen Hepatitis C und HIV) oder Regeneron (Augenheilung). Im Konsumgüterbereich ein Markenartikel-Klassiker ist Procter & Gamble und in der Nahrungsmittelbranche können Positionen in Nestle und in General Mills (hohe Relative Stärke im Abschwung) eingegangen werden. Diese Werte können schon relativ bald nach erneuten Rückschlägen von 10 bis 15% antizyklisch eingesammelt werden in der Hoffnung, dass Notenbanken und Regierungen zumindest an der Börse die Corona-Effekte bald eindämmen. The Kraft Heinz Company (Ketchup, Kaffee, abgepackte Lebensmittel) deren Aktienkurs sich nach massiven Abschreibungen binnen drei Jahren mehr als gedrittelt hat, ist indessen ein Contrarian-Investment der defensiven Art.

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