Der ESG-Boom aus ökonomischer Sicht

Kommentar von Michael Kordovsky

Krunja Photography
Krunja Photography

Von der Messung der CO2-Bindung von Fondsinvestments, diversen Ausschlusskriterien für bestimmte Länder und Branchen bis hin zur Forcierung erwünschter Branchen wie Photovoltaik, Windkraft und E-Autos reichen die Konzepte ethischer Investments. Aus dem grundsätzlich gut gemeinten und lobenswerten Ansatz resultieren teils irrationale Verhaltensmuster, die angesichts der Stärke des ESG-Trends bald zu Marktverzerrungen führen könnten.

Am 12. August erhielt ich eine Aussendung des Vermögensverwalters Savity, der als erster Robo-Advisor eine nachhaltige Vermögensverwaltung für Privatanleger anbietet, die sich an den Kriterien des Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) orientiert. Die veröffentlichten ESG-Outperformance-Zahlen waren beeindruckend. Als positive Performancebeispiele nannte Karin Kisling, Gründerin und CEO von Savity, Wachstumsbranchen wie alternative Energien, Abfallwirtschaft oder Digitalisierung, die zweistellige Gewinne einfuhren. Es ist toll, wenn solche Chancen systematisch erkannt werden können. Doch eine Sache regte mich darauf zum Nachdenken an, nämlich die Growth-Bias in vielen ESG Portfolios, hervorgerufen durch Ausschluss einer Reihe traditioneller Bereiche.

Pauschalverurteilung durch kategorische Ausschlüsse

Werden nicht durch die vorgegebenen Ausschluss-Kriterien alle Unternehmen der betreffenden Branchen pauschal verurteilt und faktisch einem Investmentboykott ausgesetzt? Savity ist nur eines von vielen Beispielen im ESG Bereich. Ausgeschlossen sind hier generell die Bereiche Waffen, Glücksspiel, Tabak & Alkohol sowie Pornographie. Auch Unternehmen, die auf Atomenergie und Kohleenergie setzen sind ausgeschlossen, während Basic Materials, insbesondere Mining und Erdölindustrie untergewichtet sind.
Deshalb breche ich mal in diese Stelle eine Lanze für die Ausgestoßenen: Beginnen wir mit den meist zusammenhängenden Bereichen Luftfahrt und Rüstung: Fakt ist, dass der MSCI Aerospace and Defense Index (USD) den MSCI World von Ende Dezember 1994 bis Ende August 2019 mit 12,3 Prozent p.a. um rund 5,3 Prozentpunkte pro Jahr outperformte! Bezüglich Glücksspiel braucht man nur immer wieder an die zwischenzeitlichen Höhenflüge von Casinowerten (z.B. aus Macau) denken. Was Tabak und Alkohol angeht, weise ich darauf hin, dass dies defensive Investments sind und bei Tabakwerten häufig hohe Dividendenrenditen winken. Philip Morris International wirft z.B. 6,3% Dividendenrendite ab und British American Tobacco 5,2%. Auch in der Ölbranche kann man nicht alle Firmen in einen Topf werfen. Royal Dutch Shell ist zum Beispiel mit Shell Solar auch ein bedeutender Anbieter von Photovoltaik Anlagen. Der Minenbereich brachte in jüngster Zeit Highflyer bei Goldminen hervor und in dieser Branche findet ein Umdenken statt. Beispielsweise setzt der Goldriese Barrick das umweltfreundlicher Thiosulfat-Laugenverfahren ein, das ohne giftige Cyanide auskommt.

Verteufelung alltäglicher Dinge

Diese Ausschluss/Untergewichtungsverfahren, vor allem in Bezug auf alltägliche Dinge wie fossile Brennstoffe, Alkohol und Tabak bergen in sich einen Hauch von Heuchelei. Die meisten ESG-Anleger und vermutlich auch viele Fondsmanager werden ein Auto mit Verbrennungsmotor (Diesel oder Benzin) fahren und auch gelegentlich Alkohol trinken. Darüber hinaus kann ich mir vorstellen, dass unter den ESG-Anlegern der eine oder andere Raucher ist, der gelegentlich in der Tabak-Trafik auch noch einen Lottoschein ausfüllt. Das Paradoxe ist dabei, dass diese Anleger dann in den finanziellen Boykott jener Firmen investieren, die Dinge ihres täglichen Lebens herstellen, wie zum Beispiel den Cocktail am Feierabend oder den Treibstoff fürs Auto.

Befürchtete Marktverzerrung oder self fulfilling Prophecy

Vor allem die Branchenallokation, die durch gewisse Ausschlüsse entsteht, wirkte von 2008 bis 2018 Low-Vola-orientiert, doch kommt immer häufiger auch der Growth-Faktor ins Spiel (u.a. durch verstärkte Orientierung an neuen Technologien). Genau dieser Stil ist es, der aktuell für jene Performance sorgt, die dann von der Masse vor allem im Zusammenhang mit „reinem Gewissen“ selektiv wahrgenommen wird. Immer mehr Anleger springen auf den fahrenden Zug auf. Der Momentums Faktor schlägt früher oder später aus. Zu Growth gesellt sich dann noch Momentum und durch die anhaltende Fokussierung auf Sicherheitskriterien innerhalb des ESG-Aktienspektrums bleibt auch der Faktor Low Volatility erhalten und schon erkennen Systeme einen Faktorenmix. Dadurch dass dieser zunehmend erkannt wird, verstärkt sich die Wirkung der Signale. Wird eine „kritische Masse“ erreicht, generiert diese eine sich selbst erfüllenden Prophezeiung, denn: Nehmen die aktuellen ESG-Trends zu, kommt es durch das zunehmende Anlagevolumen auf der einen Seite und den Nachfrageentzug auf der Seite der Aktien „ausgestoßener“ Branchen zu Bewertungsverzerrungen. Am Ende steht eine hohe fundamentale Bewertung der „ethischen Aktien“ einer Unterbewertung der „unerwünschten Gruppe“ gegenüber.
Vor allem Öl- und Tabakwerte, aber auch traditionelle Energieversorger weisen schon seit geraumer Zeit tendenziell hohe Dividendenrenditen auf, die dadurch noch um einiges höher werden könnten (durch steigende Dividendenausschüttungen aber auch durch fallende Aktienkurse).

Die sinnvollere Vorgangsweise bei ESG-Investments sind meiner Meinung nach Best-in-Class-Ansätze wo gemäß ESG-Kriterien die branchenbesten Unternehmen herausgefiltert werden. Im Zuge einer genauen Analyse der Governance in Kombination mit bilanziellen Sicherheitskriterien, wie hoher Eigenkapitalquote, können dadurch negative Überraschungen stark reduziert werden und es resultiert daraus ein günstiges Chancen/Risiko-Verhältnis.