Ist Schuldenmachen das Gebot der Stunde?

Von Michael Kordovsky

Institutionen und Firmenkunden zahlen auf Konten bereits Negativzinsen und ein Privatanleger bekommt für fünfjährige Zinsbindung in den meisten Fällen maximal noch 0,8 Prozent. Auf der anderen Seite sind Kredite heute so günstig wie noch nie. Wenn sich herkömmliches Sparen nicht mehr lohnt, ist dann Leben und Investieren auf billigem Pump der bessere Lifestyle? risControl befragte dazu einen renommierten Volkswirt.

In den 90iger-Jahren waren noch Sparzinsen von netto vier Prozent p.a. möglich. Wer beispielsweise heute 10.000 Euro zu vier Prozent Zinsen anlegt, hat durch den Zinseszins-Effekt bereits 10 Jahre später 14.800 Euro – also ohne zusätzliche Arbeit monatlich 40 Euro! Damals hat sich das Sparen noch gelohnt. Heute hingegen hat man Minizins-Sparbücher. Bundeschätze bringen keinen Ertrag mehr und Bundesanleihen weisen Großteils Negativrenditen auf. Auf der anderen Seite sind bei Immobilienkrediten Zinsen von unter einem Prozent üblich und in Dänemark gibt es bereits Geld fürs Kreditaufnehmen (negativer Kreditzins). Das Leben auf Pump klingt in diesem Umfeld verlockend, ist aber mit Fallen verbunden.

Falle 1: Immobilienpreise können unter den Wert der Schulden fallen!

Ist es nicht schlau, mittels Kredit Wohneigentum zu schaffen oder in eine Anlageimmobilie zu investieren, die beispielsweise noch drei bis vier Prozent Mietrendite abwirft? Diese Frage hat risControl Dr. Martin W. Hüfner, Chefvolkswirt bei Assenagon, gestellt, dessen Antwort viele überraschen wird: „Das ist nur vordergründig schlau. Denn man handelt sich damit nicht nur finanzielle Vorteile ein, sondern auch erhebliche Risiken. Was ist zum Beispiel, wenn die Immobilie, die man mit einem so günstigen Kredit erwirbt, im Laufe der Zeit an Wert verliert? Dann sitzt man auf einem Berg von Schulden und hat eine Immobilie, mit der man nicht einmal mehr die Schulden zurückzahlen kann. Das ist angesichts der hohen Immobilienpreise nicht unwahrscheinlich. Es hat schon einen guten Grund, dass die niedrigen Zinsen derzeit nicht zu einem Boom beim Schuldenmachen führen.“

Auslöser fallender Immobilienpreise können in zukünftigen Wirtschaftskrisen (fallende Kaufkraft und fallende Mietpreise) oder in politischen Interventionen in Form von Vermögenssteuern oder Mietzinsobergrenzen liegen. Spätestens aber, wenn die Zinsen am Kapitalmarkt wieder nachhaltig nach oben drehen, ist mit einem Einbruch der Immobilienpreise zu rechnen, denn ähnlich wie Anleihen sind auch Immobilien in gewisser Hinsicht „Zinsinstrumente“.

Falle 2: Deflation

Allerdings kann mittels langjähriger Fixzinsbindung die Ratenbelastung kalkulierbar werden. Die Zinsen für 20jährige Fixzinsbindungen bewegen sich in Österreich derzeit zwischen 1,25 und 2,25 Prozent und jene auf 15 Jahre nur zwischen 0,85 und 2,00 Prozent. Wer hingegen risikofreudiger ist, bekommt variabel verzinste Kredite bereits ab einem Zins von 0,375 Prozent p.a.. Der Nominalbetrag des Kredits bleibt über die Laufzeit hinweg gleich. Doch im Einklang mit der Inflation steigt das monatliche Einkommen und Mieteinnahmen wären ohnehin an den Verbraucherpreisindex gekoppelt.

Angenommen eine Wohnung, die heute 200.000 Euro wert ist, wirft jährlich 6000 Euro an Miete ab. Das wären drei Prozent Mietrendite. Doch unter Annahme einer Inflationsrate von jährlich zwei Prozent wären es nach 15 Jahren bereits jährlich 8075 Euro. Auf diese Weise würden die Schulden „weginflationiert“. Doch Dr. Hüfner kennt auch andere Szenarien und warnt: „Die derzeit „verrückten“ Verhältnisse am Kapitalmarkt zeigen, dass man mit langfristigen Prognosen sehr vorsichtig sein muss. Ich kenne niemanden, der die derzeitigen Minuszeichen vor zwei, drei Jahren so vorhergesagt hätte. Man sollte sich auch nicht darauf verlassen, dass die Schulden im Laufe der Zeit immer weginflationiert werden. Es gab in der Geschichte Jahrzehnte, in denen die Preise nicht gestiegen, sondern gefallen sind, ohne dass es zu einer sich selbst beschleunigenden Deflation gekommen wäre. In solchen Phasen werden die Schulden real immer mehr“. Eine längere Deflationsperiode zeigte sich beispielsweise im Japan der 90er-Jahre (verlorene Dekade).

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