Klare Analyse, klare Meinung

ERGO Austria

Dr. Philipp Wassenberg und Dipl.-Ing. (FH) Ronald Kraule © ERGO Austria

Dr. Philipp Wassenberg, Vorstandsvorsitzender und Dipl.-Ing. (FH) Ronald Kraule leiten seit 2019 erfolgreich die Geschicke der ERGO Versicherung in Österreich. Wir haben mit beiden ein ausführliches Gespräch über Corona, Gesundheitsvorsorge und politische Anreize geführt.

Was bedeutet die Corona-Krise Ihrer Meinung nach für die Versicherungswirtschaft?

Wassenberg: Die Corona-Pandemie hat die Versicherungslandschaft stärker als alle anderen Krisen in den Jahren zuvor revolutioniert. Bis vor einem Jahr war es fast undenkbar, dass ein persönlicher Beratungsprozess in die Videoberatung verlagert worden wäre. Mittlerweile ist es Standard geworden. Das ist aus Sicht der Kunden wahrscheinlich weniger revolutionär als wir das als Versicherer empfinden, weil wir dafür viele interne Prozesse an Datenschutz, IDD-Richtlinie und elektronischer Unterschrift innerhalb weniger Wochen anpassen mussten. Ich denke, dass das als Zäsur in der Beratung angesehen werden wird, wenn man in zehn Jahren zurückblickt.

Kraule: Das Lebensversicherungsgeschäft wird bei ERGO zu einem guten Teil über den Bankenvertrieb abgewickelt. Der erste Lockdown hat uns in diesem Vertriebskanal durch die Schließung der Bankfilialen getroffen, die Umsätze sind im zweiten Quartal entsprechend zurückgegangen. Die von uns im Vertrieb getroffenen Digitalisierungsmaßnahmen haben uns aber in den Vertriebswegen der Versicherungsagenten und unabhängigen Vermittler, die mit ihren Kunden bereits vor der Krise über WhatsApp, Videocall usw. kommuniziert haben, eine gute Basis für ein starkes Neugeschäft geschaffen. Das heißt: Trotz Corona-Krise und erschwerter Kundenkommunikation sind wir letztes Jahr in der Lebensversicherung um fünf Prozent gewachsen.

Wie sehen Sie die Zukunft?

Kraule: Die Akzeptanz und auch die Altersgruppe, die eine Video- oder Telefonberatung akzeptiert hat, hat sich verändert, auch ältere Personen greifen auf diese Medien vermehrt zu. Das wird meiner Meinung nach so bleiben. Aber auch der Wunsch nach persönlicher Beratung ist wieder mehr zu verspüren. Jedoch wird es nicht mehr den Level erreichen, wie es vor der Krise war. Die neuen Medien werden in der Zukunft den Verkaufsprozess viel stärker unterstützend begleiten als zuvor.

Obwohl es in der technischen Umsetzung keine neuen Entwicklungen gegeben hat, denn die technischen Voraussetzungen waren in den meisten Unternehmen schon vorhanden.

Wassenberg: Bis vor Corona war der Tenor, dass nichts über eine persönliche Beratung gehe. Genauso wie man sich bis dahin überschlagen hat, das Alte zu bewahren, sind jetzt die Befürworter der Videotelefonie am Wort. Die Wahrheit liegt meiner Meinung wie immer irgendwie dazwischen. Es gibt sicher einiges, was nach der Krise bleiben wird, aber ich glaube auch, dass komplexe Sachverhalte nach wie vor besser persönlich beraten werden. Ich denke, dass es ein Modell sein wird, bei dem die Komplexität der Beratung darüber entscheidet, wie persönlich oder wie digital beraten werden kann.

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