Neoliberales Wirtschaftssystem deformiert Charaktere

Paul Schulmeister im Gespräch mit Mag. Christian Sec - risControl Ausgabe 07

Foto: ORF/Günther Pichlkostner

Wir können ganz gut auch ohne ständiges Wirtschaftswachstum auskommen ist der streitbare Ökonom Stephan Schulmeister überzeugt. Wenn wir aber unsere ökologische Verantwortung in nächster Zukunft wahrnehmen, so könnte es auch mit Hilfe staatlicher Preisregulierung in den nächsten 15 Jahren weiterhin starkes Wachstum geben, so die Einschätzung des Wirtschaftswissenschaftlers, der risControl zum Thema „Grenzen des Wachstums“, Rede und Antwort stand.

Gibt es Grenzen des Wachstums?

Natürlich gibt es Grenzen des Wachstums, darauf hat schon der Bericht des Club of Rome vor mehr als 40 Jahren hingewiesen. Die Grenzen des Wachstums ergeben sich durch Umweltbelastungen, Zersiedelung, Lärmbelästigung oder den Schadstoffemissionen. Die bisherige Art des Wirtschaftswachstums wirkt dabei selbstzerstörerisch. Mit dem Siegeszug der neoliberalen Weltanschauung entstand eine passive Haltung in der Gesellschaft, die in Apathie mündet.

Was meinen Sie mit Apathie?

Wir erleben die Wirtschaft aufgrund der herrschenden Theorie als „Sachzwang“, und nicht mehr als gestaltbar durch uns selbst. Die neoliberale Ideologie geht davon aus, dass sich die Marktteilnehmer den marktwirtschaftlichen Prozessen unterwerfen müssen, wie einem höheren Wesen, dass uns zum Besten lenkt. So wie einst Thatcher gesagt hat: „There is no Alternative“. In diesem Sinne trifft auch zu was einst Keynes gesagt hat, dass nichts die Welt mehr verändere als eine ökonomische Theorie.
Und wie hat sich die Wirtschaft verändert aufgrund der vorherrschenden neoliberalen Theorie?
Auch hier möchte ich mit Keynes beginnen. Eine freie Marktwirtschaft produziert aus sich heraus Krisen und der Krisenherd Nummer Eins ist immer der Finanzmarkt. Unternehmen investieren immer weniger unternehmerisch, hingegen viel mehr in den Finanzmarkt. Dieser funktioniert aber nach einem anderen Muster. Wenn der Eigennutz des Unternehmers nach Adam Smith auch die Interessen seiner Kunden und Mitarbeiter berücksichtigt, so ist dies im Trading gänzlich anders. Dort herrscht die Logik: Je schlechter es meinen Partner geht, umso besser geht es mir, und das deformiert Charaktere.
Aber Trading ist mit seiner Informationstransparenz ein Beispiel für einen effizienten Markt?
Die Finanzmärkte sind nicht einmal schwach effizient. Am Beispiel der Preisdynamik offenbaren sich die fundamentalen Schwächen der neoliberalen Wirtschaftstheorie. Wo gibt es bitte im Trading ein Gleichgewicht, wenn viele Trader aufgrund von Signalen ihrer Spekulationssysteme z.B. die Apple Aktie kaufen, obwohl sie glauben, dass sie „fundamental“ überbewertet ist. Durch Emotionen, Algorithmen der Spekulationssysteme und Herdenverhalten werden keine wahren Preise geschaffen, sondern eine Abfolge von „Bullen- und Bärenmärkten“

Und in der Realwirtschaft hat sich die Wirtschaftstheorie auch nicht bewährt?

Wir sehen ja, dass die freien Marktkräfte bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit bzw. des Prekariats versagen. Trotz des Wirtschaftswachstums steigt die Zahl jener Menschen, die davon nichts haben, arbeitslos sind oder nur noch prekäre Beschäftigungen finden. Die Angst vor der Deklassierung der Menschen ist der Nährboden für den Aufstieg der populistischen Kräfte in der Politik, die wiederum in wirtschaftspolitischen Fragen auch einen neoliberalen Standpunkt einnehmen.
Also das Wirtschaftswachstum kommt nur einigen wenigen zu?
Ja. Einkommen und Vermögen einer kleinen Oberschicht wachsen weiter, die Mittelschicht schrumpft, Armut ist unübersehbar geworden.

Gibt es einen Zwang zum Wachstum?

Das ist nicht naturgegeben, sondern kann von der Politik gesteuert werden. Schon Keynes hat in den 1930er-Jahren darauf hingewiesen, dass durch die steigenden Produktionskapazitäten die Menschen bald nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten müssten und den Rest ihrer Zeit für ihre persönliche Entwicklung nutzen können, in dem sie reisen oder zu Hause Bücher lesen können.

Aber wir sehen ja, dass eine Rezession, das heißt ein negatives BIP-Wachstum eine negative Stimmung bei Unternehmern und Konsumenten auslöst, die zu einer weiteren Verschlechterung der Wirtschaft führt?

Das Wichtigste ist der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Deutschland schaffte es in der Zeit nach der Finanzkrise 2008 die Arbeitslosigkeit stark zu reduzieren, ohne dass es ein BIP-Wachstum gab. Wir glauben immer den Kuchen größer machen zu müssen, um ihm aufteilen zu können. Das stimmt nicht. Wir werden weiter innovativ bleiben und werden damit weiter unsere Produktivität erhöhen. Trotzdem müsste unser BIP nicht wachsen, dafür könnte unsere Arbeitszeit sinken. Man könnte den jungen Leuten die Möglichkeit geben ein oder zwei Jahre eine Weltreise zu machen – sie könnten sich gewissermaßen entscheiden ob sie dies lieber mit 30 oder mit 70 tun wollen. Auch für andere Zwecke könnte man Karenzmodelle verwenden, etwa für Unternehmensgründungen. In jedem Fall würde man so gleichzeitig das Volumen an Arbeitsstunden der Unselbständigen reduzieren.

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