72 Stunden

von Mario Passini

Boris Johnson
Boris Johnson (© Annika Haas (EU2017EE))

Englands Premier Boris Johnson reiste, wie wir nun alle wissen, am Mittwoch zur EU nach Brüssel um „erstens“ mit der EU-Präsidentin Ursula von der Leyen zu Abend zu speisen und „erstens“ den Gordischen Knoten zu durchschlagen welcher eine Lösung der Handelsprobleme zwischen GB und EU verhindert.
Natürlich war Johnson nicht mit weißen Chrysanthemen angereist. Es sollte ja nicht geheiratet sondern geschieden werden. Scheidung auf englisch. Sie kriegt nix. Er behält alles.  Was es zum Letzten Abendmahl gab steht in den ORF-Nachrichten. Hier kurz nochmal: Fisch. Ergebnis: Die Differenzen bestehen weiter. Was nur Nichtinformierte überraschen sollte. Denn eine EU-Diplomaten-Quelle verriet was ohnedies viele ahnen: Die Reise Johnsons nach Brüssel war nur eine Show. Noch vor dem Abflug aus London sagte Johnson noch, dass er „kein Mandat für einen Hard-Brexit“ habe. So what.
Inzwischen pfeifen es die Spatzen von den Dächern. Die Brexitieers wollen den Hard-Brexit. Stolz sagen sie: „Wir sind die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt, ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrates und große europäische Militärmacht.“ Dieser Sager kommt von Jacob Rees-Mogg. Der einflussreiche, mächtige Politiker, Brextremist, Vorsitzender des Unterhauses, sagte auch (an anderer Stelle) in einer als brillant bezeichneten Rede: Die EU habe ein korruptes Wahlsystem, das die Ziele einer Elite-Kabale unterstütze. Soweit ein „europäischer Freund“ der EU. Die ist übrigens, gesamtheitlich gesehen, drittgrößte Volkswirtschaft der Welt nach USA und China.

Sir Ivan Rogers, früherer britischer Botschafter in der EU, lässt anklingen, Brüsseler Beamte meinten, dass Johnson einen Deal nicht ernst meint und dass das Treffen mit der EU-Präsidentin am Mittwoch nichts anderes als politisches Theater war. Weiter: Viele meinten, das Treffen sei „nur ein notwendiger Schritt bei der Ausarbeitung des Schuldspiels für ein“ No Deal „-Ergebnis“. Brextremisten kaufen inzwischen kleine Häuschen in Südfrankreichs berühmten Weinregionen.

Kurz noch dieses: Das für Brextremisten freudige Ereignis könnte auch weniger Freude bereiten: Aufgrund der Coronavirus-Pandemie erlauben EU-Länder keine Einreisen aus Nicht-EU-Ländern mit hohen Coronavirus Infektionsraten. Bedrohlicher noch, der Impfstoff wird in Amerika und Kontinentaleuropa produziert.

Den Verhandlern wurden noch einmal vier Tage Zeit gegeben (von Donnerstag 10. bis Sonntag, 13.12) um zu einem Ergebnis zu gelangen, denn die beiden Spitzenpolitiker verlautbarten: „Wir werden bis Ende des Wochenendes eine Entscheidung treffen“. Wie lautet ein alter Kalauer? Auf Wunsch wird gehext. Wunder dauern etwas länger. Heute Freitag sind es nur mehr 72 Stunden.