Altes aufgewärmt

von Mario Passini

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Man mag es gar nicht glauben, wie aktuell alte, politische, „Gassenhauer“ sein können. Mit Gassenhauer bezeichnete man dereinst einen Schlager. Heute sagt man „Hit“, oder noch besser „Highlight“, dazu. So etwas gibt es in jedem Genre.

Oh Herr, die Not ist groß. Auch in der heutigen, hohen Politik gibt es Zeiten der Not. Es gibt Überfluss an mangelndem Überblick, Überfluss an mangelnder Durchschaubarkeit und Überfluss am Mangel der Möglichkeit Werbung, (Propaganda = „Aufklärungsarbeit“. Duden), von Wahrheit zu unterscheiden. Das ist der Augenblick in welchem der Berichterstatter gefordert ist. Nur wie kann man in einem vollkommen unpolitischen Medium über Politiker oder Politikerin berichten? Könnte parteiisch verstanden werden. Das geht nicht. Und darüber hinaus die Gefahr, dass sich der Berichterstatter – ungewollt – outet. Also, das geht schon gar nicht.

Hilfe und Rettung bietet die deutsche Sprache.  Durch die Gestaltungsmöglichkeit in der dritten, der sachlichen, Person zu berichten. Da wird aus Politiker*Innen (man beachte wohlwollend das Binnen-I): Das Politikum. Das ist neutral, anonym und kann nicht zugeordnet oder missverstanden werden. Das geht.

Damit ist der Berichterstatter in der Lage über das Politikum zu informieren. Es ist einige Lenze in der allerhöchsten, gesetzgebenden Versammlung. Es ist, lassen Sie es, liebe Leser, so sagen: es ist in der Kampfmannschaft. Doch auch für das Politikum sind Zeiten der Aufklärungsarbeit Zeiten der Not. Droht doch die Folter der Reihung. Das Politikum erfährt, dass es so weit ist. Es wird gereiht. Und zwar nicht nach vorne, sondern nach hinten. Ja, habe ich das verdient, denkt sich das Politikum? Habe ich nicht immer andere Politikum´s gefoult, beschimpft oder deren Unfähigkeit der Öffentlichkeit preisgegeben? Ja, beantwortet sich das Politikum die selbstgestellte Frage: Ja, das habe ich. Und jetzt will man mich auf den postpolitischen Müll werfen? Das habe ich nicht verdient, sagt es sich. Wer wird auf meinem Sesselchen sitzen und von meinem Tellerchen essen? Es war doch beim Publikum so beliebt, dass es ernsthaft davon überzeugt war, sein Pouvoire gelte auf Lebenszeit. So wie einst bei den Senatoren im alten Rom. Und jetzt, abgereiht? Und so musste sich das Politikum wegbegeben. Nun sollen seine Geister auch nach ihrem Willen leben. (frei nach: J.W. Goethe).

Sogleich stellt es sich der Öffentlichkeit. Befragt, ob es denn mit seinem Lebenszyklus vereinbar sei, in eine andere Kampfmannschaft zu wechseln, ob es damit nicht echte Probleme habe. Moralische, ethische, beispielsweise? Und warum es sich das antue? Die Antwort ist es wert, veröffentlicht zu werden. Das Politikum sagte, es tue das alles nur: „Weil ich dem Volke dienen will.“ Rumms. Das saß. Das Politikum verteilte damit zwei Wahrheiten: Erstens, es ist der ehrlichen Meinung, das Volk ist dumm. Und zweitens verschaffte es ungewollt die Einsicht, dass es in erster Linie seine eigenen Interessen vertritt.

Bei der nächsten Frage wurde das Politikum etwas emotional. Bei der Frage nach den Werten. Seinen Werten. Natürlich sagte das Politikum es habe Werte auf die es achte. Und es könne den Menschen da draußen garantieren, dass es – wie bisher – auch im neuen Kampfteam keine anderen Werte habe. Nicht einen einzigen Euro mehr. Geraune ging durchs Publikum. Das Politikum aber erzürnte. Sein Zorn wurde gekühlt durch die aufkommende Erkenntnis, dass es eine Eigenschaft besaß, die es bisher nicht erkannt hatte. Es war Generalist! Es erkannte seine Fähigkeit, sich jeder beliebigen Gegebenheit anzupassen. Not macht erfinderisch.

Mario Passini