Börsenmacht ESG und deren Auswirkungen auf die Kurse

von Michael Kordovsky

Michael Kordovsky

Die geplante Änderung der Mifid-II-Vorgaben sieht voraussichtlich ab Ende 2021 vor, dass Wertpapierdienstleistungsunternehmen in der Anlageberatung die Nachhaltigkeitspräferenzen ihrer Kunden abfragen. Pensionskassen und Lebensversicherer werden in der Geldanlage zunehmend klimafreundlicher, während immer mehr Research-Dienstleister den Grad an ESG-Konformität börsennotierter Firmen überprüfen. Selbst im Private-Equity-Geschäft sind bereits Nachhaltigkeitskriterien ein Thema. Das hat alles Auswirkungen auf Kurse und Aktienbewertungen!
Laut Analyse von Bloomberg Intelligence Head of ESG and Thematic Investing EMEA, Adeline Diab und BI Chief Equity Strategist, Gina Martin Adams, sollte bis 2025 das nach ESG-Kriterien verwaltete Wertpapiervolumen auf 53 Billionen Dollar steigen. Das wäre mehr als ein Drittel aller Assets under Management im Volumen von 140,5 Billionen Dollar. Noch 2018 lag das ESG-Volumen bei 30,6 Billionen. Während Europa bereits für die Hälfte aller ESG-Assets verantwortlich ist, setzen die USA zu einer gewaltigen Aufholjagd an. Eine weitere Welle ist aus dem asiatischen Raum zu erwarten. Stark im Aufwind ist das ESG-Thema auch bei Privatanlegern, denn das ETF-Volumen in diesem Segment explodiert. Bei U.S. ESG-ETFs stieg es per September im Jahr 2020 um über 318 Prozent. Und weltweit könnte das ESG-ETF-Volumen in den kommenden fünf Jahren bereits eine Billion Dollar erreichen.

Erkennbare Branchenpräferenzen

Bereits heute hat dies seine Auswirkungen: Ölwerte und Rüstungsaktien sind rein fundamental immer mehr dem Value Segment zuzuordnen. Tabakwerte und vereinzelt auch Pharmariesen überzeugen mit Dividendenrenditen von über 4 Prozent. Auf der anderen Seite gibt es extrem teure Bewertungen in jenen Segmenten, die bei ESG-Investoren generell beliebt sind, nämlich Elektro-Auto, neue Energien und Digitalisierungsbereiche. Vor allem IT-Werte sind nicht verwerflich. Anders sieht es in der Grundstoffindustrie, bei Chemieunternehmen, im Anlagenbau, bei Industrieprodukten und sogar in der Getränke- und Nahrungsmittelindustrie aus. Während im Nahrungsmittelbereich (nicht ökologische) Palmölprodukte ein häufiges Ausschlusskriterium sind, ist vor allem in der Mineralwassererzeugung die Wasserknappheitsdebatte ein Thema. Firmen wie beispielsweise Nestle wird von Aktivisten vorgeworfen, den Einwohnern das Wasser wegzupumpen, um es dann als Mineralwassermarke zu guten Preisen zu verkaufen.

Somit favorisieren ESG-Investoren automatisch bevorzugt den Technologiesektor und entsprechend ist bereits dessen mittel- bis langfristige Outperformance der „Old Economy“. Dazu reicht ein Vergleich des NASDAQ 100 mit dem Dow 30: In den vergangenen drei Jahren stehen 96 Prozent Plus bei den Technologiewerten des NASDAQ 100 nur 40 Prozent im Dow Jones gegenüber. Auf fünf Jahre sind es sogar 203 Prozent zu 93 Prozent.

Fundamentale Verzerrungen

Entsprechend sind auch die Bewertungsunterschiede: Per 30. April steht ein 12-Monats-Forward KGV von 20,4 im Dow 30 einem Wert von 28,5 im Nasdaq 100 gegenüber. Teils noch krasser ist die Bewertung einzelner Aktien, die als Flaggschiffe von Nachhaltigkeitsportfolios gelten. Es sind Aktien wie PayPal, Schneider Electric und der Halbleiterproduktionsausrüster ASML Holding, die jeweils mit für 2022 erwarteten KGVs von 44,4; 21,2 bzw. 37,1 bewertet sind. Weitere beliebte Werte wie Linde und Alphabet sind mit erwarteten KGVs 2022 von 22,8 bzw. 24,9 bewertet.

Lesen Sie mehr in der Juni Ausgabe von risControl Print.