Brexit – „Frohbotschaft“ No. 1

von Mario Passini

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Bekanntlich haben sich die Brextremisten die Loslösung von der verhassten EU anders vorgestellt. Etwa so: Wir beenden die Zahlungsbereitschaft für den Club. Behalten aber den Vereinsschlüssel, damit wir weiterhin am Clubbetrieb teilnehmen können. Dem eigenen Volk versprach man durch den Austritt aus dem Club könne man sich wöchentlich bis zu 350 Millionen Pfund ersparen. Wir wissen: Es ist anders gekommen. Etwas von der eigenen Größe berauscht verhandelte man in der Erwartung die knieweiche EU werde ohnedies allem zustimmen. Wir wissen: Es kam anders.

 

Jetzt schlägt die Realität zu. Wir werden unsere Leser aktuell über Neuerungen in der Brexit-Saga informieren. Heute die „Frohbotschaft“ Nummer 1. Der Warenhandel zwischen den beiden Wirtschaftsblöcken läuft ziemlich reibungslos. Bei den Verhandlungen hat man, noch rechtzeitig vor Jahresende ein Abkommen beschlossen in dem unter anderem vereinbart wurde, dass es keine Zölle geben möge. Wenigstens dieses Ziel konnten die Brexiteers ihrem Volk als Sieg verkaufen. Zwar sind inzwischen britische Fische glücklicher (unsere Meldung vom 18.01.21) der britische Handel ist es nicht. Denn keine Zölle bedeutet nicht keine Zollformalitäten. Die Brexiteers haben doch glatt übersehen, dass Herkunftsnachweise bei Fracht, bei sanitären Standards oder im Lebensmittelhandel vorgelegt werden müssen. Vom 1.1.21. an muss im Güterhandel, unter anderem, die Herkunft von Waren detailliert dokumentiert werden. Das trifft die Spediteurbranche und jetzt, als allererste, die britischen Fischer. Denen ja mit dem Brexit der Himmel auf Erden versprochen wurde. Was das alles noch für den noch gar nicht ausverhandelten Dienstleistungssektor bedeutet wagen sich Experten in der Londoner City erst gar nicht vorzustellen. London hofft auf ein Entgegenkommen von der, bisher oft rüde beschimpften, EU. Die Aussichten, dass es besser wird sind trüb. Es ist Binsenweisheit, dass Handelsblöcke mit der Zeit eine Art wirtschaftliches Auseinandertrifften erleben. Beispielsweise im Wettbewerbsrecht, bei Aufsichtsregeln oder bei Produktstandards. Konfliktpotential genug für die Zukunft.

Premier Johnson hat versprochen, dass es – gerade den Fischern – nach dem Brexit besser gehen würde. Dem ist halt nicht so. Soeben meldet der ORF (Montag, 18.01.21 – wörtliche Wiedergabe.): Dass aus Protest gegen Probleme beim Export von Fisch nach Europa im Zuge des Brexits mehrere Fischer und Fischerinnen ihre Lastwagen heute in der Nähe der Londoner Downing Street geparkt hätten. „Inkompetente Regierung zerstört die Meeresfrüchte-Industrie“, stand auf Englisch auf einem der Laster zu lesen, die sich gut sichtbar in der Nähe des britischen Regierungssitzes positioniert hatten. „Brexit Carriage“ (deutsch: „Brexit-Fracht“) stand auf einem anderen, wie unter anderem auf Twitter-Fotos der Organisation „Best for Britain“ zu lesen ist. Dem Sender Sky News zufolge waren mindestens zehn Lastwagen an dem Protest beteiligt.

Weiteres Ungemach erlebt Herr Johnson, weil große Spediteursunternehmen ihren Betrieb zeitweise einstellen mussten, weil sie der Zollpapierflut nicht Herr werden. Kleinunternehmen in Großbritannien sperren zu und sogar der „EuroStar“ (Eisenbahn unter dem Kanaltunnel) muss um finanzielle Hilfe bitten. Man erhofft – nein man braucht – staatliche Hilfe, sonst müsse der Zugsverkehr auf britischer Seite eingestellt werden, heißtes. Doch abgesehen davon, dass Brexiteers nicht gerade Freunde staatlicher Subventionen sind, wäre dies gerade des Brexit wegen ein Riesenproblem. Denn es ist vereinbart, dass es keine staatlichen Subventionen geben darf, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden.

Nein, es bereitet keine Freude, weiter über solche Ereignisse aus dem Brexit-Bereich berichten zu müssen. Schadenfreude wäre fehl am Platz. Doch die unvermeidlich folgende „Frohbotschaft“ No. 2 wird sich kaum vermeiden lassen. Warum wir den Bericht „Frohbotschaft“ benannt haben? Na, weil uns als gelebte Europäer über den Vorgang das Herz blutet und wir den erwogenen Titel: Meldungen aus dem Jammertal, zu negativ fanden. Der berühmteste Spruch des legendären britischen Premier Winston Churchill abgewandelt, zeigt worum es geht: Noch nie haben so Viele, so wenig der Politik zu verdanken. Da fällt mir auf: Dieser Spruch scheint nicht nur für Großbritannien Geltung zu haben. Oder?