China: Vom Plagiator zum Innovator

von Mag. Christian Sec

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In unterschiedlichen Regionen der Welt befindet sich die Versicherungsbranche in verschiedenen Phasen der Disruption und Digitalisierung. Während in Österreich digitaler Direktvertrieb, alleinunterstützte Schadensmeldungen oder hyperpersonalisierte Versicherungsprodukte noch in den Kinderschuhen stecken, hat in China die Zukunft für die Versicherungsbranche längst begonnen.
Eine Studie von Boston Consulting kommt zum Schluss: „Viele Versicherungen außerhalb Chinas hinken der digitalen Entwicklung weit hinterher, speziell im Vergleich mit chinesischen Branchenvertretern“. Die Voraussetzungen für Innovation sind demnach in China günstiger als anderswo. Mit seiner schieren Größe und der hohen Expansionsgeschwindigkeit gibt es auf Chinas Insurtech-Markt Raum für Jeden, meint Chen Wei, Chef von Zhong An, einem der größten Online-Versicherer des Landes, gegenüber dem Business Insider. Wie hoch das Potential am chinesischen Markt ist, verdeutlicht eine Zahl. Innerhalb eines Tages verkaufte Zhong An 200 Millionen Versicherungen. Zwischen 2013 und 2017 haben sich die Einnahmen der chinesischen Versicherer mehr als verdoppelt. Das Aufholpotential ist dabei gleichzusetzen mit der Aufbruchstimmung des chinesischen Assekuranzenmarktes. Die hohe Digitalisierung ist dabei nicht nur reiner Selbstzweck, sondern auch dem dynamischen Wettbewerbsumfeld geschuldet. Denn auch Branchenfremde wie Tencent, Eigentümer von WeChat, der mit rund 900 Millionen Usern, größten Social-Media-Plattform Chinas, steigen aggressiv und digital in den überproportional ansteigenden Versicherungsmarkt ein. Zhong An richtet seinen Fokus auf F&E mit dem Ziel die neuen Entwicklungen an die Versicherungsindustrie weiterzugeben. „Wir verwenden Technologien, die die Versicherungsprodukte verbessern und verändern, und bedienen neue Märkte, die von traditionellen Versicherungen nicht bedient werden“, erklärt Chen. Ping An, wertmäßig eines der größten Versicherungsunternehmen weltweit, zeigt auch, dass es nicht allein die jungen Insurtechs sind, die den Markt revolutionieren. Der chinesischen Versicherungsriese hat 1988 sein Geschäft als traditionelles Versicherungsunternehmen gestartet. Im Zuge der Digitalisierung war der Konzern einer der ersten Versicherer weltweit, der aggressiv in den boomenden Insurtech-Markt investierte.
Es sind vor allem die fünf Schlüsseltechnologien Blockchain, Künstliche Intelligenz (KI), Internet of Things, Big Data und Cloud Computing deren Entwicklung von der Versicherungsbranche forciert wird. All diese Technologien tragen dazu bei Kosten zu verringern, die Effizienz zu erhöhen und Versicherungsbetrug zu erkennen, wie die Boston Consulting Experten betonen. Beispiele sind z.B. ein Produkt von Zhong An zur Steuerung und Überwachung von landwirtschaftlichen Aktivitäten, die zu einer besseren Bewertung von Risiken für Banken und Versicherung im Landwirtschaftsbereich führt. Ant Financial ein anderes großes Insurtech-Unternehmen in China hat mit Hilfe von KI Werkzeuge für Kfz-Versicherer entwickelt. Dabei handelt es sich um die Analyse von Unfallfotos. Das selbstlernende System kann durch die Schadensfotos den Unfallhergang ableiten. Die Systeme lernen durch den Vergleich mit ähnlichen Daten dazu. Die Bewertung des Schadens erfolgt binnen Sekunden. Der chinesische Insurtech-Markt teilt sich in drei Segmente auf, wie Chen erklärt: Verkaufen von traditionellen Produkten via Internet, Upgrade existierender Produkte durch neue Technologien und die Entwicklung neuer Produkte durch z.B. Big Data Analyse (wie z.B. Produkte für die Warenrückgabe bei E-Commerce-Seiten oder Mikroprämienpolizzen für Verkehrsstau und Flugverspätungsereignisse). Zhong An, an dem Ping An einen Anteil von 10,2 Prozent hält, konzentriert sich auf das dritte Segment, während z.B. Ping An’s Fokus auf den ersten beiden Segmenten liegt.

Eroberung Europas
Es ist nur eine Frage der Zeit bis Unternehmen wie Zhong An die europäischen Märkte bearbeiten, heißt es in einer Oliver Wyman-Studie. Zudem sind die Geschäftsmodelle der chinesischen Insurtechs leichter zu internationalisieren als der Versicherungsvertrieb. Denn Zhong An hat sich Amazon zum Vorbild genommen und kopiert den US-Giganten in chinesischer Gründlichkeit. Apropos Amazon: Laut einer Studie der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) ist der Online-Gigant eine größere Bedrohung für die Versicherer als Start-ups. Ähnlich wie seine chinesischen Counterparts profitiert Amazon von umfangreichen Kundendaten und hohen Skalenvorteilen. Damit wäre laut der Studie der Internetkonzern bei den Kosten im Vorteil, heißt es in der Studie. Denn die etablierten Versicherer kämpfen mit veralteter Technik und ineffizienten Strukturen. Da heißt es fest anschnallen für die Versicherungsbranche in Europa die von Ost und West unter starken Beschuss kommt.
Aus risControl Print 02/2019 – von Mag. Christian Sec