Das Geheimnis vom langen Leben

von Mag. Christian Sec

Die durchschnittliche Lebenserwartung hat sich seit 1950 weltweit um über 20 Jahre erhöht. Mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 80,9 Jahren liegt Österreich im guten westeuropäischen Durchschnitt. Aber es gibt zwei Länder, die sich ganz besonders positiv hervortun, wenn es um die Lebenserwartung geht. Italien (82,5) und Spanien (82,8 Quelle: Weltbank), liegen ganz weit oben im Langlebe-Ranking.

Schon die Bibel weist darauf hin, dass es im Paradies, dort wo es ewiges Leben geben soll, keine Sorgen und Mühen existieren. Die bibelfesten Italiener und Spanier scheinen sich dieser Philosophie instinktiv angenommen zu, um sich schon im Diesseits mit ähnlicher Lebensauffassung auf das ewige Leben vorzubereiten.

Was hierzulande als ökonomisch ineffizient bezeichnet wird, wird in Italien als Dolce Vita zelebriert. Zeitvergeudung heißt auf Spanisch Siesta. Aber es scheint so als ob die Italiener und Spanier am Ende die sind, die zuletzt lachen, während ihre von protestantischer Ethik getriebenen Altersgenossen nördlich der Alpen schon längst das Zeitliche gesegnet haben. Da hilft es auch gar nichts den Italienern und Spaniern durch die EU oder OECD in hartnäckiger Regelmäßigkeit die gelbe Karte zu zeigen, weil wieder einmal harte ökonomische Kennzahlen nicht dem Soll entwickelter Industrienationen entsprechen. Nein, Italien und Spanien sind was die sozioökonomischen Fakten betrifft keine Vorzeigenationen und werden es so Gott will, auch niemals werden und trotzdem liegt die Lebensspanne in diesen beiden Ländern höher als in allen anderen Staaten der EU.

Auf der Homepage der Hannoverschen Versicherung werden sieben Hauptursachen für die steigende Lebenserwartung angeführt. Steigender Wohlstand (Je wohlhabender ein Land, desto mehr Geld fließt in das Gesundheitssystem), medizinischer Fortschritt, Bildungsniveau (gebildete Leute achten mehr auf Gesundheit als gering Qualifizierte), Soziale Fürsorge (staatliche Sozialversicherungen garantieren Existenzminimum und schützen Notleidende vor Elend), Hygiene (viele Krankheiten sind durch verbesserte Hygienebedingungen praktisch verschwunden), Arbeitsbedingungen (Menschen arbeiten weniger und bekommen mehr Ruhephasen), Lebensweise (bewusste ausgewogene Ernährung, viel Bewegung, Verzicht auf Alkohol und Tabak).

Bei genauerer Betrachtung dieser sieben Hauptkriterien für ein langes Leben schneiden Italiener und Spanier fast durchwegs unterdurchschnittlich ab. Der erste Indikator bezieht sich auf den Wohlstand, den wir anhand des BIP/Kopf in Kaufkraftparitäten messen. Spanien liegt unter den EU-28 an 14. Stelle und Italien an 12. Stelle. Die durchschnittliche Platzierung ergibt sich daraus, dass die beiden Länder zwar noch vor den ehemals osteuropäischen Ländern platziert sind, jedoch weit hinter den westeuropäischen Vorzeigenationen rangieren. Das zweite Kriterium können wir durch die Ausgaben für Gesundheit im Verhältnis zum BIP berechnen. Auch hier weisen beide Länder höchstens mittelmäßige Quoten auf. Spanien ist in diesem Ranking an zehnter Stelle zu finden, Italien gleich dahinter an elfter Stelle. Das Bildungsniveau (3. Kriterium) ist in Spanien und Italien äußerst verbesserungswürdig. Der Prozentsatz der Schulaussteiger ist in diesen beiden Ländern so hoch wie in kaum einem anderen EU-Land. Spanien liegt in dieser Statistik an 27. Und vorletzter Stelle, Italien ist nur zwei Plätze besser platziert. Auch am anderen Ende der Ausbildungsskala bekleckern sich die beiden Nationen nicht mit Ruhm. Italien bildet bei der Akademikerquote fast das Schlusslicht, Spanien hält sich EU-Weit zumindest ein paar Plätze weiter vorne auf und liegt in diesem Bereich sogar vor Österreich.

Die Schere zwischen arm und reich ist in Spanien, sowie in Italien höher als im EU-Durchschnitt. Die Umverteilungsmechanismen des Sozial- und Steuersystems (4. Kriterium) wirken in diesen beiden Ländern nicht annähernd so stark wie in unserem Land. Der Gini-Koeffizient als Maß für die Ungleichverteilung des Einkommens in einer Gesellschaft ist in beiden Ländern im EU-Vergleich überdurchschnittlich hoch. Spanien liegt dabei auf Platz fünf, nur geschlagen von einigen neuen EU-Ländern, Italien ist Neunter. Im Bereich der Wasserqualität (5. Kriterium) liegen Spanien und Italien, laut UNO-Bericht im EU-Vergleich an zwölfter respektive 14. Stelle, also auch hier kein Hinweis, welcher auf eine hohe Lebenserwartung hinweisen könnte.

Dem Geheimnis auf der Spur

Bleiben also noch zwei Kriterien (Lebensweise und Arbeitsbedingungen), die uns vielleicht auf die Spur des Geheimnisses des langen Lebens in den beiden Länder führen. Neben der hohen Lebenserwartung zeigt sich, dass in Spanien und Italien, die Menschen im Durchschnitt länger gesund bleiben und nicht durch Krankheiten in der Lebensführung beeinträchtigt werden. Bei den spanischen Männern und Frauen liegt der Anteil der gesunden Lebensjahre an der Gesamtlebenszeit bei 82 respektive 77 Prozent und in Italien bei 83 respektive 79 Prozent. In Österreich liegt dieser Wert bei äußerst mageren 72 Prozent für Männer und 68 Prozent bei Frauen (OECD-Studie). All dies sind Hinweise eines gesünderen Lebensstils der mediterranen Bevölkerung, die auch in einer anderen Statistik zum Vorschein kommt. So liegt die Mortalität bei Herz- und Herzkreislauferkrankungen in Italien und Spanien unter dem EU-Durchschnitt.

Herz-Kreislauferkrankungen sind demnach in Österreich oder auch Deutschland viel stärker verbreitet, was insbesondere an der Ernährung liegt, wie Pavel Grigoriev, Wissenschaftler beim Max-Planck-Institut für Demografische Forschung in Rostock, gegenüber dem Tagesspiegel.de meint.

Die Mittelmeerküche basiert nicht bloß auf vielen Fischgerichten, sie enthält auch deutlich mehr Gemüse, Salate, Hülsenfrüchte und Obst.

Die Mittelmeerküche basiert nicht bloß auf vielen Fischgerichten, sie enthält auch deutlich mehr Gemüse, Salate, Hülsenfrüchte und Obst, erklärt der Experte. In unseren Breiten dominieren hingegen kalorienreiche, fetthaltige Gerichte. Und dann wären da noch die Arbeitsbedingungen als letztes Kriterium. Die berühmte Siesta gibt es noch immer in Spanien. Zu diesem Mittagsschlaf schließen in Spanien viele kleine Geschäfte in der glühenden Mittagshitze für drei oder gar vier Stunden ihren Betrieb. Die lange Pause dient dazu, nach Hause zu fahren, sowie eventuell ein Nickerchen zu halten bevor die Nachmittagsarbeit ab etwa 17Uhr oder gar später wiederbeginnt. In größeren Unternehmen ist die Mittagspause auf ein bis zwei Stunden begrenzt, jedoch noch immer lang genug, um sein Mittagsmahl in Ruhe zu genießen, und es nicht wie in unseren Breiten üblich herunterschlingen zu müssen oder gar hastig im Gehen zu konsumieren um nach 30 Minuten und Null Sekunden wieder frisch und munter zu funktionieren.

Zeit für sich und seinen Körper und Geist zu nehmen, ist in Italien und Spanien kein Privileg der Reichen. Zwar ist die Schere zwischen dem armen und reichen Teil der Bevölkerung in Italien und Spanien so hoch wie in keinem anderen westeuropäischen Land, jedoch ist der Unterschied zwischen Armen und Reichen, was die Gesundheit betrifft in diesen beiden Ländern niedriger als in allen anderen westeuropäischen Nationen. Die Wertschätzung des Anderen beginnt bei sich, und so genießt der Italiener und Spanier, bevor er sein Tagwerk beginnt und falls nicht heute dann morgen, denn morgen ist er ja auch noch da.