Der Sinn des Zufalls

von Mag. Christian Sec

Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen, meinte einst Karl Valentin und daran hat sich nichts geändert. Jedoch haben wir mit den Daten, die wir heute jeden Augenblick unseres Lebens absondern, ein mächtiges Werkzeug in der Hand, immer mehr über unsere Zukunft zu erfahren.
Die Vorstellung das Schicksal berechenbar, vorhersehbar zu machen, hat die Menschheit schon immer fasziniert. Mit Glaskugeln, Karten oder Horoskopen versuchte man der Zukunft ihre Geheimnisse abzuringen. Heute verwendet man als Werkzeug, um in die Zukunft zu sehen, Daten. Für Wetter- oder Wirtschaftsprognosen werden regelmäßig riesige Mengen an Informationen erfasst und ausgewertet. Dabei werden es Jahr für Jahr immer mehr Daten, um Prognosen, über einen immer längeren Zeitraum, immer genauer erstellen zu können. Der Grundsatz dazu lautet: Je mehr Daten zur Verfügung stehen, umso genauer kann die Prognose erstellt werden. Die Überlegung dabei zu Ende gedacht wäre daher: Könnten wir alle Informationen, die es in der Welt gibt, erfassen und verarbeiten, so könnten wir ganz simpel die Zukunft vorhersehen. Neue Technologien wie Big Data könnten uns also den Schrecken vor der Zukunft nehmen, der darin besteht, sie nicht zu kennen. Die ersten Schritte dazu sind getan. Das Smartphone hat sich mit dem Denken verkoppelt. Wir können nicht mehr denken, ohne zu wischen oder zu liken, oder einen Tweet abzusondern. Alexa hört zu, wenn wir uns gerade streiten, und kennt unsere intimsten Geheimnisse. All diese Daten könnten gesammelt und ausgewertet werden. Wir könnten Attentate, Amokläufe oder gar Kriege vorhersehen. Wir könnten Menschen einsperren, bevor sie einen Kriminaltat begangen haben. Die Versicherungen könnten endlich personalisierte Prämien vergeben, die das individuelle Risiko hundertprozentig abbilden. Aber wir brauchen noch mehr an Daten, um den Traum von der gewissen Zukunft zu leben. Google muss stetig wissen, wo wir sind, die Kfz-Versicherungen müssen wissen, wie wir Auto fahren. Die Gesundheitsversicherung muss wissen, wieviel Sport wir machen und was wir essen. Alles muss bestimmbar werden, das wäre unsere Erlösung, vor der quälenden Ungewissheit des Schicksals bzw. der Ungewissheit des Erfolgs. Wer will schon in der Ungewissheit leben, möglicherweise irgendwann von einem betrunkenen Autofahrer überfahren zu werden, oder wieder einmal beim Anstellen im Supermarkt die falsche Warteschlange gewählt zu haben, weil die alte Frau vor einem wieder versucht sich ihrer Fünf-Cent-Stücke gemächlich einem nach den anderen zu entledigen.

Gott würfelt nicht

Aber da wäre etwas, was in dieser Gleichung, je mehr Daten umso größer unser Wissen über die Zukunft, vergessen wird. Das wäre der Begriff des Zufalls. Falls es so etwas wie Zufall gibt, wären die Daten nur mehr halb so viel wert, weil dann auch im Idealfall bei absoluten Datenwissen, die Zukunft nicht genau vorhersehbar ist. Grundsätzlich ist der Zufall ein Ereignis, dass keine Ursache kennt. Dabei könnte man einwenden, dass wir einfach zu wenig Informationen haben, um die Ursache zu kennen. Baruch de Spinoza, der große niederländische Philosoph meinte: „Was wir Zufall nennen, ist der Zufluchtsort der Unwissenheit“. Erst im 20. Jahrhundert wurde der Zufall auch von der Naturwissenschaft entdeckt. Werner Heisenberg führte mit der nach ihm benannten Unschärferelation den Zufall in die Physik ein. Die Heisenbergsche Unschärferelation besagt, dass sich bestimmte Eigenschaften eines Teilchens – Ort und Geschwindigkeit – grundsätzlich nicht gleichzeitig exakt messen lassen. Die Idee der vollkommenen Berechenbarkeit aller Einzelheiten der Natur war damit vom Tisch. Albert Einstein war von den Erkenntnissen von Heisenberg damals nicht amused und meinte lapidar dazu: „Gott würfelt nicht“. Mehr dazu in der Juli Ausgabe von risControl.