Desinfektionsmittel

von Mario Passini

Ein Drittel der Ausgehbeschränkungszeit haben wir hinter uns. So ganz sicher ist es aber nicht, dass dieses Desinfektionsmittel nicht doch noch verlängert wird. Beschränkungen schmerzen und das ist gut so, denn ein altes Sprichwort sagt: Schmerzen machen Menschen denken, denken machen Menschen weise. Als solcher erkennt man, alle Welt kämpft gegen das Virus, nur nutzt nix. Massentests haben ergeben, es trifft in etwa ein Prozent der Bevölkerung. Glücklich jene die von Haus aus überzeugt sind, es gibt ja gar keine Pandemie. Für sie gibt es keine Krise und Corona-Einschränkungen sind in ihren Augen reine Unterdrückung. Es sind in etwa dreißig Prozent der Bevölkerung. Was jetzt grassiert, das ist – so nennen sie es – entweder eine Wucht- oder Starkgrippe. Sie schützen sich nicht mit MNS. Stattdessen tragen einige von ihnen Alu-Helme. Die schützten nicht nur vor Viren aller Art, sondern auch vor gefährlichen Strahlen. Solche kommen – das weiß ja jeder – vom Stern Alpha Centauri. Dort leben ganz böse Wesen und die schicken uns…. Mehr darf nicht verraten werden, sonst bricht Panik aus. Das sagte schon Perry Rhodan, das Ur-ur-Ahnl der Skywalker-Sippe.

Der Rest der Menschheit, also wir, ertragen mit Langmut und Selbstbeherrschung die neuerliche Quarantäne. Ob es wirklich in zwei Wochen vorbei ist? Erinnern wir uns: Unser Kanzler war für Schulen schließen. Einige waren dagegen. Auch solche mit hoher fachlicher Kompetenz. Entschieden wurde: Daheimbleiben. Als Desinfektionsmittel. Für die Wirtschaft gibt es Hilfsmittel. Sie tragen Namen wie Novemberhilfe. Warum das so heißt, weiß man nicht. Im November wird noch nichts ausbezahlt. Und für jene die keine Hilfe erhalten bleiben nur Betäubungsmittel.

Desinfektionsmittel erwarten uns auch zu den Feiertagen. Der Vizekanzler sagte Sonntag: „Fix ist nix“. Und der Gesundheitsminister sagt die Vorweihnachtszeit werde „sicher nicht ohne Begleitmaßnahmen“ stattfinden. Das klingt arg nach Verlängerung, einem weiteren Desinfektionsmittel. Und dann? Zunächst wird wohl der heilige Nikolaus keine Anreisegenehmigung erhalten. Politiker stimmen uns jetzt schon darauf ein, es werde heuer ein sehr eingeschränktes Weihnachtsfest geben. Sozusagen ein Fest als Desinfektionsmittel mit speziellem Konzept. „Kein Bussi, keine Umarmung.“ Ok, sagen die Aluhelmträger, wer braucht das schon. Hauptsache die Geschenke stimmen. Aber sonst. Nicht nur Oma und Opa wollen das Familienfest feiern. Einsame hoffen auf menschlichen Kontakt. Mich hat vor wenigen Tagen die Jetti-Tant angerufen. Ich konnte mich gar nicht mehr erinnern, dass es sie gibt. Zuletzt hatten wir vor ungefähr zehn Jahren Kontakt. Jetzt, einsam, sucht sie Nähe und Menschlichkeit. Wir plauderten übers Handy-Video. Die Jetti-Tant ist ein Charmbolzen. Sie wirkt – in natura – bezaubernd. Aber übers Video kommt ein ganz anderer Mensch rüber. Man erkennt, auch Technik bedarf eines Desinfektionsmittels.

Wie es um Weihnachten steht ist klar. Ob es ab zweiten Januar wieder Ausgehbeschränkungszeit gibt? Politiker sagen nein. Das sagte man vor der zweiten Welle auch. Man muss nur genau zuhören und übersetzen was der Satz bedeutet: „Wir werden nicht in einen dritten Lockdown stolpern“. Abhilfe wird es im Frühjahr geben. Vorher gibt es noch den Massentest, als Desinfektionsmittel. Das ist aber nicht viel mehr als eine Momentaufnahme. Ein negativ Getesteter kann ein, zwei Tage später positiv sein. Die „große Hoffnung“ bei den Massentests sei es laut Minister, asymptomatische Covid-Positive „aus dem Kreislauf herauszunehmen“. Wissende sagen, im Mai sei alles vorbei. Da gibt es den Impfstoff, einen Weg durch das Elend, und die Zeit der Desinfektionsmittel sei dann vorbei.