Die begehrte Impfung

von Mag. Christian Sec

©Leigh Prather/Adobe Stock

Wir begehren, was andere begehren, weil wir uns selbst nicht kennen. Diese Eigenschaft macht uns zu Wesen, die mit den richtigen Botschaften zu gewünschten Handlungen manipuliert werden können. Dies zeigt sich auch bei der Impfkampagne.
Das Szenario ist bekannt. Der vernachlässigte Partner, der als selbstverständlich empfunden wird und erst dann wieder begehrt wird, wenn es für den Verlassenen zu spät ist, weil sich ein anderer seinem oder ihren Partner bemächtigte. Dieses Begehren beschreibt ein Grundprinzip des menschlichen Verhaltens, auch mimetisches Begehren (nachäffen, nachahmen) genannt. Wir begehren was andere begehren, weil wir nicht wissen, was wir eigentlich wollen. Denn um zu wissen, was man will, müsste man sich selbst erkennen können und diese Fähigkeit ist den meisten nicht gegeben, erklärte Rene Girard, französischer Sozialwissenschaftler, der Begründer der Theorie des mimetischen Begehrens. Menschen suchen daher nach Vorbildern. Das kann der Manta-fahrende Nachbar genauso sein wie der geimpfte Bürgermeister. „Jeder strahlt im falschen Glanz in den Augen des anderen; jeder wird beneidet, während er selbst beneidet“, schreibt der Schriftsteller Bovier de Fontanelle. Jeder glaubt also im anderen die Autonomie zu erkennen, die man selbst gerne hätte. Der Nachahmer befindet sich in einem Dilemma, wenn er nach der Autonomie sucht, die ja per Definition niemals durch Nachahmen zu finden ist. Der Vertrieb kann jedoch von dieser Eigenart des Menschen profitieren. Der Mensch, der sich selbst nicht kennt, ist der Manipulation ausgeliefert. Was heißt ausgeliefert, er wünscht die Manipulation unbewusst gar herbei.
Bürgermeisterlicher Vertriebserfolg
So autonom, so einzigartig der Mensch auch immer sein will, ist der Erfolg des Vertriebs immer abhängig davon, wie sehr man dem Menschen vertraut machen kann, dass er oder sie mit dem Begehren für ein Produkt, nicht alleinsteht. Gerade in der Anfangsphase eines neuen Produktes braucht es Starthilfe, einen kleinen Stupser, um das Werkl zum Laufen zu bringen. Menschen stehen dem Neuartigen generell sehr skeptisch gegenüber, die Berührung durch Unbekanntes macht Angst. Die Innovation neuer Technologie ist daher das eine, der erfolgreiche Vertrieb jedoch ein ganz anderes Kapitel. Es ist üblich, dass Plattenmanager die Werke ihrer eigenen Künstler kaufen, nicht nur um damit kurzfristig eine bessere Chartplatzierung zu erreichen, sondern vor allem, um den Anschein zu erwecken, dass das Produkt begehrt wird. Sogar das Management der Beatles musste anfänglich auf diesen alten Bauerntrick zurückgreifen. Insofern könnte man die Bürgermeister-Posse beim Kampf um den raren Impfstoff als meisterhaften Vertriebstrick bezeichnen, der das zunächst zurückhaltende Verlangen nach dem Impfstoff in der Bevölkerung steigern konnte. Provinz-Sheriffs riskierten ihren guten Ruf, um sich selbstlos für die „Gute Sache“ einzusetzen. Die wildesten Geschichten Landauf und Landab wurden in die Welt gesetzt, um zu zeigen wie begehrt die neuen Vaccine sind. Bürgermeister, die sich stundenlang in ein Seniorenheim setzten, um darauf zu warten, ob doch noch eine Impfung zu ergattern ist, oder Pflegeheime wo Impfungen gegen Spenden vergeben werden, stärkten die Nachfrage danach geimpft zu werden. Die Amerikaner setzten demgegenüber auf Impf-Testimonials. Je mächtiger oder berühmter das Testimonial, umso stärker – so die Annahme – wird der Wunsch das gleiche zu begehren, weil diese Vorbilder für die Autonomie stehen, nach der der gewöhnliche Bürger strebt. Vor laufender Kamera wurde den Staatsoberhäuptern der Impfstich versetzt. Egal ob hohe Persönlichkeiten oder Provinzfürsten. Testimonials braucht der Vertrieb. Sie sind ein wichtiges Argument für den Absatz. Diese müssen aber nicht immer namentlich bekannt sein, sondern zeigen sich auch durch leere Regale. Damit konnte schon vor Urzeiten, der Absatz von Klopapierrollen ins unermessliche gesteigert werden. Jeder Haushalt lief mit so viel Klopapiertaschen durch die Weltgeschichte wie er nur tragen konnte. Im Gespräch äußerten jedoch die Menschen größtes Unverständnis für dieses seltsame Konsumverhalten. Auch bei den Impfungen wird mit der Knappheit des Produktes förmlich geworben. Europa steht vor „leeren Impfregalen“ und daher wird die Nachfrage noch weiter gesteigert. Die Schlange der Impfwilligen wird länger, denn nichts ist so begehrenswert, wie das Seltene. Den kompletten Artikel lesen Sie in der aktuellen risControl Ausgabe.