Die Brexit-Saga III

von Mario Passini

©Pixelbliss - stock.adobe.com

Rule Britannia, Britannia rules the waves. Das ist große Historie – und so was wie die geheime zweite Hymne des Königsreiches. Man singt das auch heute noch gerne und die Brexiteers handeln danach. Sie träumen von jenen Zeiten als Britannien Weltmacht war und die Meere beherrschte – eben rules the waves. Beim Träumen auf der Insel, dürften man verschlafen haben, dass ein Handelsabkommen Zollvorgaben nicht ersetzt. So müssen Waren zollrechtlich erfasst und Einfuhrumsatzsteuer erhoben werden. Denn auch diese ist vom Abkommen mit der EU nicht erfasst. Unternehmen müssen, gemäß dem Brexit, Gebühren, Zölle und für Verwaltung zahlen. Das alles, die Abgaben zur Deckung, der Anstieg der Bürokratie, die Mehrwertsteuer und Zollanmeldungen belasten den Handel mit dem größten Handelspartner, der Europäischen Union – und vice versa. Das seien doch nur „Kinderkrankheiten“ oder „Kopfschmerzen“, so beschreiben Minister der (britischen) Brexit-Regierung die Handelshemmnisse. (Guardian).

Nach dem Glücksrausch kommt jetzt Katerstimmung auf

Früher als erwartet, bemerkt die englische Wirtschaft die Auswirkungen des Brexits. Und dass die Ankündigungen der englischen Regierung nicht mit der Gegenwart übereinstimmen. Deshalb fordert man auf der Insel, dass die Regierung unverzüglich Verhandlungen mit der EU aufnehmen müsse um die derzeit „entgleisten“ Vorschriften zu bereinigen. Dass die Handelsprobleme so schnell akut werden, damit hat niemand gerechnet. Man erwartete Probleme erst ab dem zweiten Halbjahr 2021, wenn Großbritannien seine Zoll-, Einfuhr-, und Einwanderungsgesetze umsetzt. Ein großer Teil des britischen Exporthandels sei bedroht. Der Zorn britischer Firmen wegen der Probleme beim grenzüberschreitenden Handel sei groß meldet die britische Presse unisono. Vor allem weil von der Brexit-Regierung immer und immer wieder lautstark propagiert wird solche Probleme existieren nicht. Eine führende Persönlichkeit, die an den Gesprächen mit Minister Gove beteiligt war, beschrieb das neue Regelwerk als „komplette Shitshow“. (Guardian vom 10.01.2021). Im Guardian erklärt ein Herr Alex P., der ein erfolgreiches Familienunternehmen führt, warum er anderer Meinung ist. Und er möchte, dass die wahre Geschichte erzählt wird.

Schon wenige Wochen nach Beginn der vermeintlich goldenen Ära des globalen Großbritanniens stoßen Herr Alex P. und viele andere britische Unternehmer auf große Probleme. P. sagt: „Wir haben alles getan, um uns auf den Brexit vorzubereiten, und sind Teil der Exportchampion-Community des DTI“. Aber seit dem 1. Januar ist seine Firma – wie andere britische Exporteure auch – von drei neuen Auflagen betroffen. Und vor vier Tagen entdeckte das Unternehmen eine weitere: Seine Kunden in der EU müssen die Waren beim Erhalt bezahlen.
„Soweit ich sehen kann, werden Unternehmen wie das unsere in Großbritannien derzeit nicht mehr in der Lage sein, Endverkäufe an Kunden in der EU zu tätigen. Insbesondere kleine Bestellungen für weniger als 100 GBP sind völlig unmöglich “, sagt Alex P. Weiters gibt es eine Gebühr von 5 GBP pro Paket, welche die Kosten der Kuriere für die Vorauszahlung der Einfuhrgebühren im Zielland abdeckt. und drittens eine „Auszahlungsgebühr“, die in jedem EU-Land auf unterschiedlichen Ebenen mit einem Mindestbetrag von 14 EUR pro Paket festgesetzt wird oder als Prozentsatz des Warenwerts berechnet wird, je nachdem, welcher Wert höher ist, zuzüglich der Mehrwertsteuer am Bestimmungsort. Dies deckt die Kosten der Steuerbehörde im Empfängerland ab, die die Pakete inspiziert und verarbeitet. Selbst Amazon hat Lieferungen von GB nach Europa eingeschränkt.

Keine frischen Fische

Aufwändige Zollerklärungen, Fang- und Gesundheitsbescheinigungen, haben seit dem Austritt Großbritanniens aus der EU zu starken Verzögerungen bei den britischen Ausfuhren geführt. Laut britischem Hafenverband mussten sogar fünf Prozent aller Lkw an der Grenze umkehren – wegen inkorrekter Papiere. Vielen Händlern von Fisch und Meeresfrüchten verdirbt die Ware, bevor sie europäisches Festland erreicht. Die schottische Fischereiindustrie gibt an, täglich 1 Mio. GBP zu verlieren, da EU-Kunden Bestellungen stornieren. Britische Fischexporteure können aufgrund von Verzögerungen an den Grenzen nicht auf den europäischen Märkten verkaufen und beklagen, dass Boris Johnson und andere sie über den Brexit in die Irre geführt haben. Führende Supermarktketten warnen die Minister vor Nahrungsmittelknappheit in Nordirland aufgrund neuer Grenzregeln und Bürokratie. Und kleine britische Unternehmen sagen, dass sie im Export nach Europa keine Zukunft haben können.
Der Warenhandel mit Großbritannien verlaufe doch reibungslos, meint die Regierung Johnson. Doch Spediteurs Unternehmen, wie beispielsweise DB Schenker, musste am Mittwoch vergangener Woche Lieferungen einstellen. Und bis auf weiteres würden auch keine Aufträge für Lieferungen angenommen. Die Zollformalitäten allein gelten nicht als einziges Hindernis. Genauso wichtig sind die sogenannten nichttarifären Hemmnisse wie Herkunftsnachweise, oder zum Beispiel sanitäre Standards. Die vor allem im Lebensmittelhandel wichtig sind. Konsequenz: Lieferketten werden unterbrochen. Und die Probleme der Autoindustrie – just in time-Lieferungen – beginnen schon.

Auf der anderen Seite des Kanals sie man die Lage ähnlich. Ana Boata, Leiterin Makroökonomie bei Euler Hermes (Kreditversicherer) hat ausgerechnet, wie stark der Brexit die britische Wirtschaft bremst. Demnach seien durch den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union bei den Exporteuren im Königreich Einbußen in Höhe von zwölf bis 25 Milliarden Pfund (umgerechnet 3,5 bis 28,1 Milliarden Euro) zu erwarten. Das entspricht einem Verlust von 0,6 bis 1,1 Prozentpunkten des jährlichen BIP. Das gesamte Volumen der britischen Exporte in die EU wird auf 165 Milliarden Pfund geschätzt. (Quelle: tagesschau.de)
In London, auf Nummer 10, sieht man die Lage ruhig und gelassen. Es gibt keine Probleme. Eine schleichende, wirtschaftliche Entkopplung Großbritanniens vom Kontinent werde sich mit der Zeit von selbst lösen. Vor allem wen man das Projekt „Singapur“ verwirkliche. Den behaupteten Schwierigkeiten stellt man den erkämpften, sieg- und glorreichen Brexit gegenüber. Dies sei ein Glücksfall und ein Segen für Großbritannien. Wie sagte Tante Jolesch: „Gott mäge mir behieten for allem was a Glicksfall is.“ Die Tante war wirklich eine sehr kluge Frau.

Quellen: Die britische Presse