Die Dolchstoßlegende 2

von Mario Passini

© Gage Skidmore

Die US-Präsidentenwahl am 4., war noch nicht beendet, da trat Noch-Präsident Trump, im Weißen Haus, schon vor die Presse und erklärte, er habe die Wahl gewonnen. Der weitere Fortgang des Trauerspiels ist bekannt. Unermüdlich repetiert Trump seither er habe gewonnen, aber man habe ihm den Sieg gestohlen. Immer skurriler die vorgebrachten Begründungen. Die letztgültige lautet, es sei die Mafia gewesen, die „diesem Biden“ zum unverdienten Sieg verholfen habe. Zwar ist es den Anwaltsarmeen von Herrn Trump bisher nicht gelungen mit der Diebstahlsarie vor Gericht zu reüssieren, aber so sein Hauptrechtsberater: „Wir wollen ja verlieren. Damit kommen wir zum Supreme Court.“ (Oberster Gerichtshof). Dort sitzen einige, denen Trump den Job vermittelt hat. Und in der Welt der Trumps heißt das, sie sind ihm einen Gefallen schuldig. Allerneueste Volte: Nebenbei bemüht Herr Trump eine weitere Variante. Er will, dass in republikanisch dominierten US-Staaten die Wahlmänner auf solche ausgetauscht werden, die ganz sicher Trump wählen. Verfassung? Wen interessiert das?

Mit der Zeit begannen sich Menschen zu wundern, welch eine Schmonzette in der ältesten Demokratie der Welt abgezogen wird. Viel mehr noch verwunderte, dass die ehrwürdige, hochgeachtete republikanische Partei, die GOP, die „Grand old Party“, Abraham Lincoln war ihr erster Präsident, mitspielt. Republikanische Gouverneure schweigen zu den Unwahrheitstiraden des Herrn Trump. Und selbst der zweitmächtigste Politiker der USA (nach dem Präsidenten), der republikanische Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConnell relativierte die Situation: Die sei nicht ungewöhnlich. Warum reagieren die Mächtigen so? Nun gut, Gouverneure könnten befürchten, dass sie die Twitter-Rache des Herrn Trump trifft, wenn sie zur Wiederwahl antreten. Aber die gesamte respektable Partei? Ob nicht doch ein anderer Grund dahinterstecken könnte? Den findet man – wieder einmal – in Old Europe.

Die Wurzeln finden sich im Ersten Weltkrieg. Das Synonym für das entsetzliche Grauen heißt Verdun. Eine französische Festung. Fast eine Million Menschen mussten hier, in nur wenigen Wochen, ihr Leben lassen. Im Jahr 1918 war es dann so weit. Der Krieg war nicht zu gewinnen, schlimmer noch, er war nicht mehr zu führen. Im Oktober 1918 übergab Reichskanzler Max von Baden die Macht an die neue Republik. (Stark gekürzt. Siehe Wikipedia). Der Waffenstillstand wurde zur Kapitulation. Alles nachlesbar in Google und Wikipedia. Die noch unter Waffen stehenden Armeen Österreich-Ungarns und Deutschlands kehrten in militärischer Ordnung und Disziplin zurück.
Nach 1918 verbreitete sich die Propaganda man sei der unbesiegten Armee in den Rücken gefallen. (stark gekürzt). Die Dolchstoßlegende war geboren. Ein gewisser Herr Hitler hat u.a. mit diesem Schlagwort 1933 die Macht gewonnen. Es lautete: Der Sieg sei gestohlen worden.
Da ist es, das Wort vom „gestohlenen Sieg“.

Zurück in die Gegenwart. Ist es wirklich unvorstellbar, dass die klugen Leute von der GOP denken, lassen wir doch dem Trump seine Seifenoper. Er baut – eher ungewollt – ein Szenario auf, das uns zu einem grandiosen Sieg verhelfen wird. Nicht jetzt, 2020 da hat Biden gewonnen. Aber 2024 treten wir wieder an. Und der Wahlslogan wird lauten: „Nochmals lassen wir uns den Sieg nicht stehlen!“ Ein unschlagbares Argument. Auguren sehen einen Erdrutschsieg der Grand Old Party voraus. Und diese Chance sollten sie sich entgehen lassen?

2024 werden die USA ein anderes politisches Szenario sehen. Ausgenommen Kalifornien. Dort leben die glücklichsten Menschen Amerikas. Kalifornier sind besonders happy. Sie lieben Blumen, make love, not war und mögen keine Diktatoren. Das macht das schöne Land, die zahlreichen Sonnenstunden und „It never rains in southern California“.