Die Mitte ist nicht immer die Wahrheit

von Mag. Christian Sec

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Man sollte sich immer beide Meinungen anhören, um sich dann eine eigene Meinung zu bilden heißt es. Diese tugendhafte Grundeinstellung fördert die Entwicklung „alternativer Fakten“.
Überall wird nach einem Gleichgewicht, nach einer Balance gesucht. Menschen streben nach der Work-Life-Balance nach einem Gleichgewicht zwischen Körper und Geist. Nichts wird mehr gesucht als das Zentrum, ob beim Dart oder in der Politik, überall ist die Mitte der Stein des Weisen. Auch bei der Wahrheit ist es nicht anders. „Die Wahrheit liegt in der Mitte“ hören wir, seit wir Kinder sind. Am Höhepunkt der Pandemie wurde im Kurier ein ganzseitiges Inserat geschalten, von einer Gruppe, die sich „Außerparlamentarischer Corona Untersuchungsausschuss Austria“ nennt. Darin verkündeten diese, dass Masken schädlich seien, PCR-Test unzuverlässig und die Impfstoffe nicht ausreichend geprüft. Auf der einen Seite prangte also dieses Inserat und gleich daneben wurde ein Interview mit einer Virologin abgedruckt, die echte wissenschaftlich basierte Corona-Fakten präsentierte. Dem Leser sollte womöglich Ausgewogenheit in der Meinungsvielfalt signalisiert werden, denn die Wahrheit liege ja irgendwo in der Mitte. Dabei spricht man jedoch von „False Balance“, wenn den Gegenmeinungen gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen unverhältnismäßig viel Platz eingeräumt wird. Die BBC hat z.B. zur Vermeidung falscher Ausgewogenheit beim Thema Klimawandel redaktionelle Leitlinien aufgestellt. Dabei wird festgehalten, dass akzeptiert wird, dass der Klimawandel stattfindet, daher wird für ein Gleichgewicht der Debatte kein Leugner benötigt. In den USA gab es bis 1987 für Medien die Fairness-Doktrin einzuhalten. Diese verpflichtete die Medien bei der Berichterstattung über kontroverse Themen verschiedene Standpunkte gleichberechtigt und ausgewogen darzustellen. Dies führte nach einem Gerichtsbeschluss dazu, dass die Sender, falls sie Fernsehwerbung für Tabak ausstrahlten folglich auch Fernsehkampagnen gegen das Rauchen ins Programm nehmen mussten, z.B. auch unter Beteiligung von an Lungenkrebs erkrankten Schauspielern, was schlussendlich aufgrund der negativen Öffentlichkeitswirkung für die Tabakindustrie zu deren freiwilligem Verzicht auf Fernsehwerbung führte. Die Fairness-Doktrin wurde abgeschafft mit der Begründung, dass die Vorschrift angesichts der breiten Verfügbarkeit verschiedener Medien öffentliche Debatten eher behindere als fördere.
Alternative Fakten
Es geht leider vielfach gar nicht um die Wahrheitssuche, sondern meist darum die Meinungshoheit zu erlangen. Das Wort Alternative Fakten wurde zum geflügelten Wort, als 2017 eine Beraterin Donald Trumps, während eines Auftritts in einer Polit-Talksendung, die Formulierung erstmals benutzte, um falsche Aussagen des Pressesprechers des Weißen Hauses zur Publikumsgröße während Trumps Amtseinführung vor dem Kapitol zu rechtfertigen. Die Beraterin kritisierte die einseitige Darstellung der Medien und daher argumentierte sie, habe der Pressesprecher dazu alternative Fakten dargestellt. Jede Meinung muss also auch eine Gegenmeinung zulassen, so die nachzuvollziehende These. Dies verlangen die „Alternativen“ aber auch für Erkenntnisse, die keine Zweifel mehr zulassen, egal ob es sich um den Vergleich der Publikumsmenge zwischen Obamas Amtseinführung und der Donald Trumps handelt, oder darum, ob sich nun die Erde wirklich um die Sonne bewegt. Gefährlich wird es dann, wenn alternative Fakten eine Gesellschaft spalten, auch diese Beispiele kennen wir aus der jüngsten Vergangenheit. Die Freiheit des Andersdenkenden hört dabei wohl dort auf, wo dieser vorsätzlich durch die Verkündung von Unwahrheiten das Vertrauen der Bevölkerung zu seinem Eigennutz und zum Schaden vieler manipuliert. Das heißt aber auch, nur um auf der Suche nach Wahrheit kategorisch ein Gegengewicht zuzulassen, ist falsch. Dabei würden wir die Wahrheit ja wieder manipulieren, weil wir ja die Mitte willkürlich verschieben. Möglicherweise kämen wir dann zum Schluss, die Erde kreist zwar nicht um die Sonne, aber die Sonne auch nicht um die Erde und bei Trumps Amtseinführung waren zumindest gleich viele Leute, als bei seinem Vorgänger, je nachdem wie hoch die alternative Schätzung war.
Keine Lügen
Aber noch gefährlicher wird es dann, wenn alternative Fakten ohne Gegengewicht eine Gesellschaft beherrschen. Wo jemand die Fakten verdrehen kann, so wie Pipi Langstrumpf, die sich die Welt macht, wie sie ihr gefällt. Wie unmöglich es ist Fakten interpretationsfrei und damit eindeutig zu schaffen zeigt uns der Krieg. Bilder und Stimmen lassen alle möglichen Interpretationen zu, die für die Propaganda auf beiden Seiten genutzt werden. Daher ist es fast unmöglich jemanden, der die Interpretationshoheit innehat der Lüge zu überführen, solange er das Vertrauen in der Bevölkerung genießt. Schon der Kirchenlehrer der Spätantike Augustinus weiß: Lüge muss, um erfolgreich zu sein, das Vertrauen in die Wahrheit menschlicher Rede voraussetzen, dass sie jedoch zugleich zerstört“. Aber so weit sind wir noch immer nicht.