Ein Jahr wie jedes andere

von Mario Passini

Eine Vorausschau – ohne Kristallkugel und ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Eintrittswahrscheinlichkeit. Sie erinnern sich? Staatschefs zwei der mächtigsten Staaten Europas flogen nach Israel, um mit dem dortigen Premierminister einen Deal zu machen. Man beschloss vor Ort gemeinsam gegen das Virus vorgehen. Man schuf eine mächtige, furchtbare Waffe – eine Stiftung. Das ist bekannt. Nicht bekanntgegeben wurde, wann das Vorhaben realisiert sein soll. Könnte so ungefähr bis 2030/35 dauern, bis eine neue Pharmaindustrie, gar samt erfolgreicher Forschung, markttauglich ist. Sicher ist: Jetzt hilft´s nix.

Nach Gründung der Stiftung gingen die Staatsoberhäupter stiften – pardon, sie flogen heim. Und dort war es wie an jedem anderen Tag: Das Virus zirkulierte. Inzwischen ist bekannt, das schlimme Ding wird uns noch das ganze Jahr 21 zu schaffen machen. Mehrwissende meinen das Virus werde uns auch noch 2022 begleiten. Und ein völlig humorloser Wissenschaftler meint gar, dass wir noch jahrelang unser jährliches „Jaukerl“ brauchen werden. Das aber wird nicht eintreten. Denn im Kampf gegen das Virus wird Neues entwickelt und fertig gestellt: Das Lutschbonbon. Quasi eine Schluckimpfung. Und so wird es, so ab 2023 oder früher einen sogenannten, vierteljährlichen „Volkslutschtag“ geben, an dem wir alle, unter Aufsicht und kontrolliert, Antivirbonbons schlucken und dafür ein sogenanntes normales Leben genießen dürfen. Unser Handy wird uns ausweisen. Oder ein Europaticket. In grün natürlich.

Die Pandemie wird viel verändern, hat schon viel verändert. Nicht nur die Arbeitswelt. Die Vier-Tage-Woche wird kommen und Homeoffice. Und weil – allein in Österreich – über eine Million Menschen ohne Arbeit sind, fehlt Einkommen. So wird wenig oder gar nichts eingekauft. Die Stimmung kippt, es wird gefrustet, miese Laune. Mit einem Wort, der Rückhalt in großen Teilen der Bevölkerung fehlt plötzlich. Zwar veröffentlicht der Boulevard eine Jubelmeldung nach der anderen über siegvolle Pandemiebekämpfungsaktionen, aber die Menschen merken es stimmt was nicht im Lande und folgen nicht mehr widerspruchslos den Signalen der Regierung. Das hat Auswirkungen auf die Politik. Man zankt, mobbt und sucht Schuldige. Derzeit sind wir in der Phase des: „Suche des Schuldigen, Bestrafung der Unschuldigen und Auszeichnung der Unbeteiligten.“ Um einen alten Kalauer zu bemühen.

Die Welt wird noch Corona eine andere sein, verlautet es allenthalben. Denn diese Krise ist Zäsur. Das Virus bleibt. Soeben hat man in London einen ganz neuen höchst gefährlichen Mutanten entdeckt: Einen Virus von den philippinischen Inseln. Nachdem, so um 2023, die wahren wirtschaftlichen Folgen der Pandemie für alle spürbar sein werden leidet die politische Perspektive unter dem Volkswillen. So gibt es ein Wiederauferstehen des sogenannten Fachkabinetts. Dieses Experiment ist so erfolgreich, dass man pragmatisch gleich bei dieser Regierungsvariante bleibt. So zumindest sieht man´s in der Kristallkugel.
Weniger Freude mit dieser Entwicklung haben gewisse Gazettenmagnaten deren Postillen mit viel Politgeld am Leben erhalten wurden. Einer dieser trug zu Kanzler Kurz´s Zeiten stehts ein seidenes Spitzentaschentüchlein bei sich, um mögliche Schweißperlen von der Stirn des Staatenlenkers zu wischen. Der erfolgreich gesponserte Magnat trug auch immer eine Rolle Klopapier mit.

Alles, was digitalisiert werden kann, wird digital sein, so Zukunftsforscher. Am besten ist es einem der weltbesten Zukunftsforscher, Matthias Horx, zuzuhören. In einem umfangreichen Werk vermeint er vier Szenarien zu erkennen, wie die Welt nach Corona ausschauen könnte. Die erste Variante nennt Horx das „Pessimistische Szenario.“ Es herrscht totale Isolation, man lebt nur mehr virtuell. Das Virus hat sich so schnell ausgebreitet, dass viele Gesundheitssysteme nicht adäquat reagieren konnten und teilweise die Kontrolle verloren haben. Dies führt zu einer schweren Weltwirtschaftskrise. Anders gesagt, man lebt, gemessen an der Weltuntergangsuhr, in den letzten Sekunden. Da möchte ich nicht dabei sein.

Aber Horx hat ja noch weitere Varianten angedacht. Gehen wir gleich zur vierten Variante, dem „Normalitäts-Szenario“: Die gesundheitlichen und die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise wurden schnell überwunden. Forscher Horx meint, der große Crash wird nicht kommen. Er sieht optimistisch in die Zukunft. Wir werden aber bewusster und besonnener leben. Horx spricht vom Weg des starken Ich zu einem starken Wir. Solidarität, Nachbarschaft und Freundschaft haben sich bewährt und werden in Zukunft noch stärker gelebt. Insgesamt vermeint Horx: Es gibt schöne Zukunftsaussichten mit einem neuen Wir-Gefühl.

Sicher bedeutet die Krise ein Ende und eine Wende. Ob das eine oder andere Ereignis eintritt, ist egal, denn eines steht fest, die Welt wird eine andere sein. Die Hoffnung lebt, auf einen Frühling in Gemeinsamkeit, wann immer das geschehen mag. Ein großer, pragmatischer Skeptiker und Satiriker zugleich, der einzigartige Comedian Urban Priol würde sagen: Die Jahre 2021 und 2022 waren beschissen. Machen wir das Beste aus 2023. Es wird ein Jahr wie jedes andere. Oder?