Eine total total verrückte Welt

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Es ist Lockdown light, ich sitz am Fenster, schau hinunter auf die kleine Einkaufsstraße, sehe wenig Menschen und viele Läden. Aber die haben geschlossen. Endgültig. Es ist eisig kalt. Sozusagen ein Wintereinbruch im Winter. Und es schneit! Ein Meteorologe sagte dazu im deutschen TV: „Das ist ein Flockdown“. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Ich träume lieber davon was vor mir liegt. Ganz oben auf der Wunschliste steht ein Espresso stretto und ein Campari Soda im Cafe Quadri auf der Piazza San Marco in Venedig. Dazu spielt das kleine Orchester. Eh schon wissen – James Bond. Wunderbar – meraviglioso. Egal was es kostet. Es ist angenehm warm und Menschenmassen schwirren herum. Jetzt würde ich sogar die irre-riesigen Riesen-Mega-Kreuzfahrtschiffe wieder begrüßen, wenn sie durch das Bacino San Marco „pflügen“. Der Bürgermeister von Venedig hat seine Idee einer Eintrittsgebühr stillschweigend begraben. Dort muss es wunderbar sein, da will ich hin. Obwohl, auch in Venezia hat Corona gewütet. Über vierzig Prozent der Läden habe geschlossen. Für immer.

Der älteste Mensch Europas – übrigens eine französische Ordensschwester – hat jetzt ihren 117 Geburtstag gefeiert. Sie wird wohl nicht oft im Cafe Quadri gewesen sein. Sie hat Corona überlebt und sagte dazu: „Ich habe es gar nicht bemerkt.“ Wie groß das Glück ist so alt zu werden, hat sie nicht verraten. Wie lebt man, wenn einem die ganze Umwelt weggestorben ist?

Wer nach Britannien reist und bei der Einreise wegen Corona lügt, dem drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis. Wohl eine kleine Überreaktion auf die immer stärker bemerkbar werdenden Handelsprobleme. Dafür haben sie bei der Impfstoffbeschaffung die EU besiegt. Deshalb muss sich jetzt die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, vor Abgeordneten rechtfertigen. Dazu die beiden Unwörter des Jahres: Schrumpfkultur und Öffnungsperspektive.

Ich liebe Fußball. Auch jenen Fußballer, nennen wir ihn Herrn AbisZ. Ich neide ihm keinen Cent und gönne ihm jeden Einzelnen davon. Ich mag ihn und wie er Fußball spielt. Aber der Handel um Körper und Ballkunst interessiert mich keinen Deut. Ich will Fußball sehen und nicht eine Art lebendige Aktie, die am Spielfeld herumläuft. Plötzlich ist es verdammt ruhig um ihn. Lässt er sich, schlimmstenfalls, bei Sotheby´s versteigern? Kauft ihn etwa ein Multimilliardär und er spielt dann mit dessen Kindern im schlosseigenen Schloss-Park? Etwa für eine Million am Tag Schlecht?

Corona hat die Welt verändert. Und wie! Bisher unterschied man zwischen Arm und Reich. Jetzt zwischen Geimpft und ungeimpft. Das Beste aus beiden Welten? Geimpfte Reiche. Aber bitte, mit dem richtigen, wirklich wirkenden Impfstoff.

Ich bin unsicher geworden. Wieso wird man nur von jenen virologischen Experten informiert, welche die Meinung der Regierung attestieren? Oder vice versa. Gibt es keine anderen Meinungen? Erkenntnisse? Oh doch. Durch puren Zufall flatterte eine Meldung eines andersdenkenden Professors herein. Daraufhin googelte ich. Es gibt mehrere. Auf die darf man nicht hören, denen darf man nicht trauen. Sie sind abqualifiziert – als Leugner.

Weil man Angst nicht steigern kann, muss jetzt die Quadratur der Gefahr herhalten. Wer die aktuellen Nachrichten liest und hört, dem muss angst und bange werden. Das Mindeste: Es steht uns eine neue Infektionswelle ins Haus. Und zwar eine ganz „Große“. Und weil es auch keine Steigerung von Infektion gibt stehen wir nicht nur vor einer dritten Welle, nein es dräut gar eine Tsunami-Welle. Es gibt Komplexforscher – man lernt nie aus – nach denen werden wir eine Mutationswelle erleben, deren Folgen unabsehbar sind. Hoch lebe die Mutation der Mutationen und die Erregungshandwerker. Schon ist eine vierte, fünfte und eine „intuitierte“, sechste Mutation erwartbar. Einer Illumination zufolge könnte es die „Veltliner-Mutation“ sein. Die werde besonders heftig und ansteckend sein. Einer der Virologievisionäre sagt in vollem Ernst, man müsse sich darauf einstellen, dass sich „die Fälle verdoppeln“ und – jetzt kommt die absolut unübertreffliche, ultimative Bedrohung – „und die werden nicht bei 100 Prozent enden“. Wörtlich. Nachzulesen.

Also bleiben wir folgsam, brav und konstruktiv. Tragen wir Masken und halten wir zwei Meter Abstand. Übrigens: Zwei Meter Abstand von jedem Essen ist eines der wirkungsvollsten Diätrezepte.

Ich sitz am Fenster, schau hinunter auf die kleine Einkaufsstraße und denk mir, was für eine total total verrückte Welt.