Einig in Uneinigkeit

von Mario Passini

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Also haben wir gestern gewartet und gewartet, aber es kam keine Kündigung. Premier Johnson hatte entschieden nicht zu entscheiden. Jetzt will er die Ergebnisse des EU-Gipfels abwarten. Die europäischen Staatschefs treffen einander an diesem Wochenende. Aber es hat ganz den Anschein, als ob die englische Frage keine allzu große Priorität mehr hat. Erwartet Boris, dass die EU ihren eigenen Verhandlungschef desavouiert?

Man muss dem englischen Premier zugutehalten: leicht hat er es nicht. Die englische Fischereiindustrie droht im „Pest und Cholera“ an den Hals, falls er auch nur eine Sardine an die EU abgibt. Und die schottische Ministerpräsidentin, Nicola Sturgeon, meint der Brexit sei unklug und schädlich, fordert die Unabhängigkeit Schottlands und den Verbleib in der EU.

So staunt man in Downing Street (Sitz des Premierministers), dass der EU-Verhandlungschef EU-Standpunkte vertritt. Der englische Verhandlungschef, Lord Frost, wird dem Premierminister mitteilen, dass ein Handelsabkommen mit der Europäischen Union noch vor Ende des Monats möglich ist, wenn der „Block“ – so abschätzig nennen Briten uns Kontinentale – jedoch endgültig seine Bedingungen reduzieren, oder noch besser aufgeben muss. Von Premier Johnson wird erwartet, dass er nach Gesprächen mit EU-Staats- und Regierungschefs eine endgültige Entscheidung darüber trifft, ob weitere Gespräche zwischen Großbritannien und der EU genehmigt werden sollen. Die britische Seite ist besorgt und empört darüber, dass die EU noch immer nicht akzeptiert habe, dass Großbritannien nach dem Ende der Übergangszeit im Dezember eine unabhängige Küstennation mit voller Kontrolle über seine Gewässer sein wird.

Ehrlich? Ja, ehrlich! Natürlich geht es längst nicht mehr darum ob oder wie ein Deal ausgehen könnte. Was britische Politiker wollen ist die Gelegenheit zu erhalten endlich der EU die Schuld zuweisen zu können, warum der Deal geplatzt sei und GB mit einem Hard-Brexit den „bloc“ verlassen muss. Es geht nur um den sprichwörtlichen „schwarzen Peter“. Aber selbst ein doofer Mitteleuropäer hat inzwischen das Spiel erkannt. Und so schlägt die britische Seite auf Monsieur Barnier ein und meint dabei die EU. Der „bloc“ habe zu liefern, meint man jenseits des Kanals, der von Woche zu Woche breiter wird.

Inzwischen vermeint man in London sogar einen Brüsseler „Racheplan“ aufgedeckt zu haben. Durchführen sollen diesen Plan die europäischen Spediteure, welche die Lieferkette in GB erheblich beschädigen könnten. Das alles könne vermieden werden, so Premier Johnson, wenn die EU endlich die britischen Vorstellungen akzeptiert und ihre Bedingungen aufgibt.

Konklusio: Der Premierminister möchte ein „starkes und glaubwürdiges“ Zeichen dafür, dass ein Durchbruch erzielt werden kann. Er meint: Die EU versteht es nicht. Boris Johnson wird sicher entscheiden, ob GB ohne Handelsvertrag aussteigt. Spätestens am 31. Dezember. Inzwíschen betet er zum lieben Gott, Trump möge die Wahl gewinnen. Denn dann bekommen sie, die Briten, einen wunderbaren, großartigen Deal mit Amerika. Mit Beiden eher nicht.