Entweder Oder, oder beides

von Mag. Christian Sec

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Wahrheit und Erfolg waren die längste Zeit in unserer Menschheitsgeschichte ein Gegensatzpaar. Manipulieren gehört seit Jahrtausenden zum Werkzeug des Erfolgs. Den Erkenntnissuchenden blieb oft nur die Hoffnung auf ein gutes Leben im Jenseits. Aber es gibt Licht am Ende des Tunnels.  

Unser alter Pfarrer hielt nicht nur alle Hochzeiten, Taufen, Begräbnisse für unsere Familie ab, sondern war ein begnadeter Geist. Alle hingen an seinen Lippen, wenn er sprach, und dies nicht nur während seiner Predigt. „Der Mensch muss wählen zwischen weltlichem Ehrgeiz und der Suche nach Wahrheit“, meinte er einmal in geselliger Runde. Und obwohl ich damals auch nicht annähernd verstand, was er damit meinte, bewirkte die Feststellung des Geistlichen bei mir mehr Fragen als Antworten. Warum sollte weltlicher Ehrgeiz und die Suche nach Wahrheit einen Widerspruch darstellen? Und was sollten wir Sterblichen daraus lernen? Wohl, so nehme ich an, uns zu entscheiden für ein Leben, das nach Erkenntnis strebt und nicht so sehr nach Erfolg. Ein authentisches Leben mit sich selbst, indem Gedanken und das gesprochene Wort übereinstimmen. Aber warum sollte genau diese Lebensform nicht erfolgversprechend sein können? Sitzen die „Ehrlichen“ alle bettelarm unter der Brücke? Sind die tugendhaften Verkäufer zum Scheitern verurteilt und nur diejenigen, die dir das Blaue vom Himmel erzählen, erfolgreich?

Sokrates und die Sophisten

Der Konflikt zwischen Wahrheit und Erfolg ist wohl so alt wie die Zivilisation selbst. Wir müssen uns nur den Streit zwischen Sokrates und den Sophisten vor Augen führen, der vor rund 2.500 Jahren im antiken Griechenland stattfand. Für die Sophisten war die Rhetorik eine Argumentationstechnik, die Erfolg versprach. Jedes Argument, dass die Richter oder das Volk zu seinen Gunsten manipulierte war erlaubt, um Erfolg zu erringen. Sophisten waren Wanderlehrer, die von Stadt zu Stadt gingen und jungen ehrgeizigen Männer für viel Geld die Kunst der Rhetorik lehrten und als politische und juristische Berater fungierten. Die objektive Wahrheitsfindung wurde als unmöglich angesehen und daher waren die rhetorischen Fähigkeiten umso wichtiger für die Durchsetzung seiner Ansichten. Die Volksversammlungen und Gerichte waren Bühnen, in denen ein regelrechter Rhetorikwettkampf entbrannte. Von strengen moralischen Prinzipien, die die Lüge bzw. die Täuschung oder Manipulation der Zuhörer verbot, war keine Spur. In solch einer Atmosphäre herrschte das Recht des Stärkeren. Sokrates war einer derjenigen, die sich dieser Weltanschauung widersetzten. Er suchte bedingungslos nach der Wahrheit. Immer wieder führte er im Diskurs die selbsternannten Weisen der damaligen Zeit vor und entblößte ihr Unwissen, sodass sich die erniedrigte Elite gegen ihn verschwor und ihm schlussendlich zum Tode verurteilte.

Form vor Inhalt

Wir sind weit davon entfernt diese Zeiten hinter uns gelassen zu haben. Möglicherweise wurde es sogar noch schlimmer. Wie Forscher des MIT feststellten, ist es für erfolgreiche Verhandlungen oder Geschäftsabschlüsse gar nicht mal so wichtig was man sagt – egal ob Wahrheit oder das Blaue vom Himmel – sondern es ist viel wichtiger, wie man etwas sagt. Die Forscher behaupteten „wir können die Macht von Charisma messen“ und vorhersagen, welcher Kandidat bei einer Präsentation oder einem Verkaufsgespräch Erfolg haben wird, ohne den Inhalt der Präsentation oder das betreffende Produkt zu kennen. Um eine Prognose zu erzielen hatten die Forscher zuvor bei den Managern fünf Tage vor der Präsentation während einer Party Tonfall, Gestik, Abstand zu anderen Personen und einige andere Parameter gemessen. Es ist also die Show, die zum Sieg führt und nicht der Inhalt. Die Welt will betrogen werden, meinte bereits Martin Luther. Der Sieg gehört also den Sophisten. Wobei ganz so ist es ja nicht. Es findet nur ein Tauschhandel statt. Während die Sophisten also ihren Erfolg zu Lebzeiten durch Reichtum oder Berühmtheit genießen, bekommen die Wahrheitssuchenden ihren Ruhm erst nach ihrem Ableben mit einem großen Wikipedia-Artikel als Andenken und möglicherweise sogar einen prominenten Platz in der Menschheitsgeschichte nach dem Motto: „Selig, die die arm sind, denn sie werden reich sein“.

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