Genesen, nicht gesund

von Mario Passini

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Nur wenige Menschen in Österreich kennen wenige, die wenige kennen, von denen wenige an Corona gestorben sind. Gut so. Natürlich hatte unser jugendlicher Kanzler, der Held von Brüssel, der Eroberer der Charts und Sieger der Message-Control, Recht, als er am Beginn von Corona vom drohenden Sterben sprach. Nur so reagierten wir, also das Volk, geschockt, diszipliniert, artig und linientreu. Er machte alles richtig.

Inzwischen ist einige Zeit mit dem Bravsein vergangen. Ich traf meinen wochenlang nicht mehr gesehenen Nachbarn, einer aus der Risikogruppe 80+, genannt Onkel Joe, und fragte, wie lange er schon in Selbstquarantäne sei. Joe: Acht Kilo. Inzwischen sind nicht mehr alle brav. Die Partyszene lebt auf, Corona auch. Joe meint, eine Einladung zu einer Corona-Party sei für ihn so etwas wie Sterbehilfe.

Dennoch: Die Regierungs-PR – die Message-Control – und auch die Art der Präsentation bleiben gleich. Staatsspitzen marschieren auf und verkünden Erkenntnisse. Onkel Joe murmelt: „Die News-Brothers kommen.“ Die Inszenierung: perfekt. Die Choreografie: beispielhaft, staatsopernwürdig. Joe meint, dieses Prozedere erinnere ihn an die goldenen 50er-Jahre, als am Wiener Heumarkt die Freistil-Ringer einmarschierten. Nur die Marschmusik fehle: „Einmarsch der Gladiatoren“. Wir lernen die Fifty Shades of Message-Control kennen.

Wir wehrlosen Schafe lernen auch die ersten Konsequenzen des Lockdowns kennen und ahnen Schlimmes. Die große Insolvenzwelle rollt erst an. Nicht nur die Nachtgastronomie geht zugrunde. Die Kultur und weitere Branchen liegen darnieder oder brechen ganz weg. Eine der ersten Meldungen der Message-Control lautete in etwa: Fürchtet Euch nicht. Wir bauen alles wieder auf, „koste es, was es wolle.“ Wenn wir uns erinnern, war von 35 Milliarden Euro die Rede. Jetzt lernen wir den Unterschied zwischen Realität und alternativen Fakten kennen. Herr, vergib‘ ihnen, denn sie geben, was sie nicht haben. Man hat nicht einmal zwei Millionen Euro, um den Weiterbestand der Institution der Wiener Sängerknaben zu sichern. Erlauben Sie mir, liebe Leserinnen und Leser, hier aus eigenem Antrieb! einen Spendenaufruf für die Sängerknaben zu starten. Was Corona jedenfalls brachte: Überbordende Bürokratie.

Heute wird geclustert

Logen die Virologen? Heute geht´s um Cluster. Weil die Republik einen zweiten Lockdown nicht übersteht. Cluster, so sagt man, die könnten wir einfangen. Doch Cluster ist nicht gleich Cluster. Die Wirtin vom Weißen Rössl brachte es auf den Punkt: „Die Saison ist wohl vorbei“

Genesen, nicht gesund

Die Message-Control informiert uns über die Frontlage. Ja, Front. Denn wir (alle) befinden uns im Krieg mit dem Virus. Wir sollten ein wenig in Nachdenklichkeit investieren. Man unterscheidet zwischen Infizierten, Genesenen und Todesfällen. Doch genesen bedeutet nicht gesund. Kollateralschäden halt. Klingt nach dem „Alles gerettet“ des Polizeirats Landsteiner, anno 1881. Ärzte sehen erste Anzeichen für anhaltende Schäden durch Covid-19 – im ganzen Körper: „Genesene sind oft schwer gezeichnet und können den Schrecken ihrer Krankheit kaum abschütteln.“

Mathias Horx, der große Zukunftsforscher, auf die Frage, wann Corona denn „vorbei sein wird”, und alles wieder zur Normalität zurückkehre? Seine Antwort: Niemals. Die Zukunft ändere ihre Richtung. Machten unsere Mächtigen am Anfang alles richtig, werde der Weg in eine ungewisse Zukunft zusehends schwierig. Wir erfahren nicht alles. Message-Control funktioniert. Halb wahr, halb Hoffnung. Früher empfanden Menschen deswegen Zorn und Empörung. Beim Recherchieren bin ich auf einen Spruch von Papst Gregor I, der Große, gestoßen. Der Heilige Vater sagte: „Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.“ WOW! Und das im 7. Jahrhundert nach Christus. Heute? Der Papst tut es, die Fürstin mit der Gicht tut es, tu Du es: Bleib´ gesund.

Das wünscht Ihnen, liebe Leserinnen und liebe Leser, Ihr
Mario Passini