Ich hab´ verstanden

von Mario Passini

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Seid ihr alle brav? Fragte dazumal der heilige Nikolaus die braven Kindern und für die Schlimmen gab´s den Krampus. Der aber war so furchterregend, dass auch die Braven erschraken. So wurde dieser Brauch mit der Zeit eingestellt. Heute kann man die beiden Gestalten nur mehr in Schokoladeform in Auslagen von Zuckerlgeschäften sehen. Warum von Schlimmen und Braven die Rede ist? Na, weil die Braven, oder richtiger, die Glücklichen, heute die Nichtinfizierten und die Schlimmen (?) das verflixte Coronavirus leugnen.

Womit wir mitten im Thema sind. Zu Beginn der Pandemie traten die Hochverantwortlichen vors Volk und verkündeten Kampf und Rettung. Man werde alles tun um das böse Virus zu besiegen und man werde alle retten. Wörtlich: „Koste es was es wolle.“ Experten kamen da eher sporadisch zu Wort. Nicht täglich und wenn, eher im Vorabendprogramm. Die Sachverständigen erklärten, was es mit dem Virus auf sich hat und wie gefährlich er ist. Schlimmstenfalls sei, als letzte Option, Neues notwendig: Ein Lockdown. Auf deutsch: Zusperren. Aber alles! Das, so die Experten, sei eine Entscheidung, die, wenn überhaupt, nur unter „Berücksichtigung aller Umstände“ zeitlich so zu bemessen sei wie unbedingt notwendig. Erinnern Sie sich, liebe Leserin, lieber Leser, noch dieser Art von Statements?
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Es folgte Zusperren und Aufsperren in lockerer Reihenfolge. Man erklärte dem Volk, verständnisvoll mitfühlend, wann zu- und wieder aufgesperrt wird und bat ums „Durchhalten“. Die hochverantwortliche Brain-Kompanie hatte richtig gedacht. Die Menschen, also wir das Volk, waren erstens dankbar, dass man sich um unsere Gesundheit sorgte und zweitens beruhigt weil es ja ein End-Datum gab, worauf man sich freuen konnte.

Doch der böse Virus hielt dagegen. Er mutierte. Bald gab es, zum jeweiligen Zeitpunkt, mindestens mehrere Varianten davon. Noch konnte man es sich allerdings nicht aussuchen von welcher Virus-Mutation man angesteckt werden wollte. Die entsprechenden Cluster waren noch nicht entdeckt. Also Massentests. Die Ergebnisse entsprachen nicht ganz den Erwartungen. Es wurden keine Cluster entdeckt. Tests in einer Teststraße ergaben, dass von rund 15.000 Getesteten „nur“ 76 infiziert waren. Als dann endlich der Impfstoff verfügbar war, war zu entscheiden wer wann, wieviel bekommt. Zuerst die Risikogruppen, also jene die mindesten das 80. Lebensjahr erreicht haben. Die wurden sofort geimpft. Etwas später kam die Diskussion auf wonach der Impfstoff eher bei Menschen wirkt, die jünger als 55 Jahren sind. Was macht man mit den Alten jetzt?

Schnell ging man ans Werkt und wer aufmerksam lebt merkte den Unterschied. Wieder kamen Experten zu Wort. Aber diesmal auf allen Fernsehkanälen und zu allen Tageszeiten. Auch seitenweise in der Presse und in allen Facetten. Aber nicht als Inserat gekennzeichnet. Doch, die Experten, Sachverständige, führende Virologiekundige und wissenschaftliche Chefberater erklärten diesmal nicht Gefahren, sondern endlos wiederholend nur ein Thema: „Einen konkreten Aufsperrtermin zu nennen sei nicht sinnvoll und klug. Man wisse noch nicht was die Mutationen des bösen Virus noch alles anstellen. Umso mehr man soeben eine neue Variante in den Abwässern entdeckt habe. Die südafrikanische. Es sei klug erst dann „aufzusperren“¸ wenn eine markante Besserung der Lage eingetreten sei.

Ok, ok. Ich hab´ verstanden. Der Lockdown dauert bis Ostern oder wie der britische Premier vorschlägt gleich bis Ende Juni. Und Maskenpflicht bis Jahresende.

Die hochverantwortliche Brain-&Propaganda-Kompanie hat einen richtig guten Job gemacht. Hatte man doch erkannt, dass man mit einem Lockdown-Enddatum Erwartungen, Hoffnung und Vorfreude weckt. Hält der Aufsperrtermin dann aber nicht, erntet man Verwirrung, Unzufriedenheit, Frust und Missvergnügen. Mit der neuen Strategie sind die Hochverantwortlichen „exkulpiert“. Sie sind nicht schuld.

Seid Ihr alle brav? Wahrscheinlich ist die erste Veranstaltung ohne Sperrbedingungen das Neujahrs-Konzert 2022 der Wiener Philharmoniker. Ohne Einschränkung? Na ja. Vielleicht gibt es Zutritt nur mir Impfpass? Oder man ist technisch schon einen Schritt weiter und kann den Impfbeweis am Handy vorzeigen. Oder auf der Smartwatch. Noch besser wäre natürlich ein für Jedermann sofort erkennbares Zeichen. Etwa so wie in Indien: Ein Stern auf der Stirn? Und natürlich registriert in der GD, der „Geimpften-Datenbank“. Die angedachten Varianten sind zahllos.

50 Shades of Virus. Das Virus ist unbesiegt, schlägt weiter zu. Heftig, variantenreich und „fortschrittlich“. Die Hochverantwortlichen haben inzwischen den Weitblick, und verkünden, wieder wörtlich: „Wir können nicht alle retten.“ Und die Lage der Wirtschaft, der Arbeitslosen? Wer seine Existenz, seine Lebensgrundlage verloren hat, ist eben Pandemie-Opfer. Ein Konkursler mit allen schrecklichen, lebenslang! lebensvernichtenden Nebenwirkungen, wie beispielsweise die offiziell nicht vorhandenen „Schwarzen Listen“. Wen interessiert das? Die Hochverantwortlichen nicht. Schicksal. Erinnert irgendwie an den Ringtheaterbrand anno Domini 1874: „Alles gerettet“.