Mit Angst zum Erfolg?

von Mag. Christian Sec

Im Sport wird die Angst des Athleten systematisch genutzt, um die Leistung zu steigern. Die Arbeitswelten werden hingegen immer mehr zu Wohlfühloasen, wo man versucht die Dämonen der Angst unter den Couchtisch der Recreation-Area zu kehren. Die Frage ist demnach: Ist Angst als Mittel geeignet die Leistung von Mitarbeitern zu steigern?

Synchroneislaufen ist ein Teamsport bestehend aus 16 Läufern, die in magischer Leichtigkeit und im Gleichklang mit der Musik stetig neue Bilder aufs Eis zeichnen und damit das Publikum entzücken. Nun hat ein Skandal die meist in Wattebausch gehüllte Szene erschüttert. Finnische Medien enthüllten die Trainingsmethoden einer der weltweit erfolgreichsten Synchroneislaufteams. Die Teamkolleginnen einer jungen Athletin, die während einer Kür aufs Eis stürzte, bildeten einen Kreis um sie und beschimpften sie so lange bis sie weinend zusammenbrach. Solche Beschimpfungsrituale auf Befehl der Cheftrainerin waren konstitutiv für jeden der bei einem Auftritt patzte. Und weil die Trainerin mit ihrer Methode erfolgreich war und immerhin ihr Team zum Weltmeistertitel führte, wurden ihre Trainingsmethoden von den Teammitgliedern auch niemals hinterfragt. Gerade in der Sportwelt zeigt sich immer wieder, dass Angst ein großer Motivator ist. Die beste Skifahrerin der Welt Mikaela Shiffrin erklärt in ihren Interviews permanent, dass die Angst davor keine Rennen mehr zu gewinnen ihre größte Motivation darstellt noch mehr zu trainieren und der Skilehrer erklärt uns Normalsterblichen, dass wir ohne den täglichen Sturz nicht besser werden, also dass wir unsere Grenzen überschreiten sollen und damit unsere Ängste überwinden.

Management by Angst

„Nur wer Angst hat strampelt sich richtig ab“, heißt es oftmals unter Führungskräften, die mit solchen Aussagen ihren harten Stil verteidigen. Ist Angst aber wirklich ein Motivator der Leistungserhöhung verspricht? Auf der anderen Seite zeigen sich die heutigen Unternehmen als Wohlfühloasen, in der die Mitarbeiter ihre Seele baumeln lassen können. Management by Angst passt dabei nicht in den Zeitgeist. Dieser verdrängt mit seiner Wertschätzung für das Individuum Unternehmensstrukturen mit Chefs, die ihre Mitarbeiter in Angst und Schrecken versetzen. „You have to kick their asses until they hate you. I like that“, zitierten Angestellte des Licht-Unternehmens Osram einen Spruch des ehemaligen CEOs Wolfgang Dehen, der zwischen 2012 und 2014 das Unternehmen führte. Es wurde berichtet, dass Dehen seine Untergebene im Kasernenhofton kommandierte. Wer nicht spurte musste gehen oder flüchtete freiwillig. Zwei Drittel des alten Führungspersonals sollen Osram in den knapp zwei Jahren seiner Regentschaft verlassen haben. Neben der Fluktuation stieg die Unzufriedenheit und die Krankenstandstage. Ein Teufelskreislauf der auch die Existenz des Unternehmens gefährdete. Ob die Angst als Motivator am Arbeitsplatz strategisch eingesetzt werden soll ist weniger ein moralisches Problem als ein Praktisches. Denn natürlich ist es so, dass Angst auch am Arbeitsplatz erlebt wird. Ein US-Forscherteam wies darauf hin, dass 40 Prozent der Amerikaner täglich Angst am Arbeitsplatz verspüren. Fast drei Viertel beantworteten andernorts mit „ja“, ob ihre Ängste etwas mit ihrem Arbeitsleben zu tun hätten. Und der Top-Managementberater Jeffrey Pfeffer, schreibt, dass Beeinträchtigungen der Gesundheit am Arbeitsplatz ein immer gravierenderes Problem werden. Die Folgen der Angst am Arbeitsplatz tragen dazu zweifelsohne bei. Über 200 Mrd. Dollar an stressinduzierten Kosten pro Jahr werden in den USA veranschlagt. Typische Auslöser sind mehreren Studien zufolge „kritische Leistungserwartungen (u.a. Angst vor Fehlern), bzw. die Folgen des Verfehlens. Zweitens die Kontrolle durch Vorgesetzte sowie deren Macht, den Alltag und die Karriere massiv zu beeinträchtigen und nicht zuletzt der mögliche Arbeitsplatzverlust.

Forschung gegen Angst

Studien weisen eine starke Leistungsverminderung bei angstinduzierter Führung nach, da die Fokussierung auf die Arbeit und die arbeitsbezogene Konzentrationsleistung gestört wird. Ebenso beobachteten die Forscher ein verstärktes egoistisches und sogar unethisches Verhalten, der in Angst versetzten Personen. Die Befürworter einer angstinduzierenden Führung übersehen, dass das in der Tat bei Angst erhöhte Erregungsniveau theoretisch nur dann in Leistung transformiert werden kann, wenn die in Angst versetzte Person über Selbstregulierungsstrategien verfügt, mit dieser Angst umzugehen. Dies ist dabei nur der Fall wenn die Person überzeugt ist, die Fähigkeit zur Mehrleistung zu besitzen und dabei auch überzeugt davon ist, dass ein mehr an Training die eigene Leistung verbessert, sowie eine Motivation besitzt, die Tätigkeit überhaupt gerne machen zu wollen, wie Jürgen Weibler, Professor für Personalführung und Organisation beschreibt. „Aber genau diese Bedingungen haben zum Ziel, entweder Angst erst gar nicht entstehen zu lassen oder aufkommende Angst möglichst schnell und konstruktiv abzubauen“, erklärt er die gedankliche Fehlstellung bei Managern, die das Erzeugen von Angst pauschal für eine gute Sache halten. „Angst bei Mitarbeitenden zu schüren ist unter Leistungsgesichtspunkten eine nachweislich ungeeignete Führungsstrategie, um die Leistung anzuheben“, folgert Weibler. Dies gilt insbesondere bei komplexen und kreativen Aufgaben. Kets de Vries, Psychoanalyst und Management-Trainer erklärt: Angst funktioniert für eine bestimmte Zeit und in Grenzen. Grundvoraussetzung ist der Respekt vor den Menschen. Wenn man jedoch diese Strategie zu lange fährt, wird man fallen, oder die Untergebenen werden nicht mehr leistungsfähig sein“. Vielleicht also kann die kurzweilige Angst durch die Produktion von Adrenalin im Sportbereich kurzfristig leistungssteigernde Effekte im Wettkampf haben, am Arbeitsplatz haben solche Methoden, im Normalfall jedoch keinen Platz, denn sie würde in einer Arbeitslandschaft, in der immer mehr der eigene Spirit gefragt ist, unsere Kreativität auffressen.