Mit Lebensversicherungen nachhaltig veranlagen

Volker Weber ist Vorstandsvorsitzender des FNG, des Forums für nachhaltige Geldanlagen e.V. In Österreich begleitet er AFPA und deren Mitglieder als Nachhaltigkeitslotse.

Volker Weber ©FNG

Nachhaltige Geldanlagen sind im Mainstream angekommen. Markterhebungen zeigen, dass private AnlegerInnen im vergangenen Jahr mit einem Plus von 117 Prozent in Deutschland und 78 Prozent in Österreich Treiber des Wachstums nachhaltiger Geldanlagen waren.

Insgesamt erreichen nachhaltige Fonds und Mandate mit ca. 20 Prozent des Neugeschäfts bereits einen beachtlichen Anteil am heimischen Gesamtmarkt. Den Großteil des Volumens in Österreich machen institutionelle Investoren mit 23,3 Milliarden Euro aus.
Schlüsselfaktoren für die verstärkte Nachfrage sind v.a. Änderungen von gesetzlichen Rahmenbedingungen wie Taxonomie, ESG-Berichtspflicht und Integration von ESG in der Anlageberatung. Die drei Buchstaben ESG beschreiben die drei nachhaltigkeitsbezogenen Verantwortungsbereiche von Unternehmen:
„E“ für Environment oder Umwelt bedeutet die Berücksichtigung von Umweltverschmutzung oder -gefährdung, Treibhausgasemissionen oder Energieeffizienzthemen, etc.
Social („S“) beinhaltet Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, Diversitätsmanagement und auch gesellschaftliches Engagement, etwa die Vermeidung von Kinderarbeit.
Governance („G“) berücksichtigt die nachhaltige Unternehmensführung. Dabei geht es etwa um Unternehmenswerte und wie diese im Alltag gelebt werden (Corporate Governance).
Die Dynamik nachhaltiger Geldanlagen führt auch für Anbieter und Vermittler von Lebensversicherungen und Kapitalanlagen zu neuen Herausforderungen. Zum einen wird der Markt zunehmend unübersichtlich. Dadurch ist es für Versicherungsmakler und Agenten immer schwieriger, den Überblick zu behalten. Zum anderen müssen bei der Kundenberatung zahlreiche gesetzliche Vorgaben eingehalten werden. KundInnen sind nach ihren Nachhaltigkeitspräferenzen zu befragen. Angebotene Lebensversicherungsprodukte und Investmentfonds müssen mit diesen Kriterien übereinstimmen. Hinzu kommt, dass bei bestehenden Anlageverträgen im Zuge der laufenden Kundenbetreuung überprüft werden muss, ob es durch die zunehmende Verlagerung der Geldströme in nachhaltige Anlageklassen zu Beeinträchtigungen, etwa erhöhten Ausfallrisiken oder drohenden Kursverlusten für Konsumenten kommen kann. Auf Versicherungs- und Finanzberater kommen herausfordernde Zeiten zu! Die Anforderungen an die persönliche Beratung und auch das Haftungsrisiko steigen.

Statt Kopf in den Sand volle Kraft voran!

Angesichts von mit ESG verbundenen Herausforderungen reagieren manche Marktteilnehmer mit Scheu und Zurückhaltung. Erste aus der Hüfte geschossene Argumente sind „dann verkaufe ich keine Lebensversicherung mehr“, „das Risiko eines Fehlers ist mir zu hoch“, etc. Damit laufen solche Marktteilnehmer aber Gefahr, nicht am bedeutendsten Erfolgstrend am Kapitalanlagemarkt der kommenden Jahrzehnte zu partizipieren. Gerade junge Menschen, die bereits im Erwerbsleben stehen, also die kommende Kundengeneration, verlangen proaktiv Nachhaltigkeit und lassen sich nicht mit „Etiketten“ abspeisen. Besser ist daher, das Thema ESG aktiv anzugehen und als Chance für die eigene Positionierung als Versicherungsvermittler und Finanzberater zu sehen.
Durch Ergänzungen der Insurance Distribution Directive (IDD) wird die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitszielen von Kunden bei der Vermittlung von Versicherungsprodukten ab 2. August 2022 verpflichtend. Um die dafür notwendige Orientierung zu schaffen, verleiht das Forum Nachhaltige Geldanlagen, FNG gemeinsam mit dem europäischen Dachverband Eurosif ein Transparenzlogo. FNG gibt auch Nachhaltigkeitsprofile heraus und hat einen transparenten Qualitätsstandard für nachhaltige Investmentfonds entwickelt. Gerade für die Umsetzung in der Praxis bieten die FNG-Standards eine wichtige Orientierungshilfe für Kunden und für Vermittler.

FNG und AFPA gehen Forumspartnerschaft ein

Das Forum Nachhaltige Geldanlagen, FNG setzt sich seit über 20 Jahren als Pionier für den Dialog und Informationsaustausch zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik sowie verbesserte rechtliche und politische Rahmenbedingungen ein. In Österreich arbeitet der Verband mit der AFPA, dem österreichischen Verband der Versicherungs- und Finanzprofessionisten zusammen. Ziele der Kooperation sind, den Mitgliedsbetrieben bei Emission und Vertrieb nachhaltiger Geldanlagen und Versicherungsprodukte mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Versicherungsvermittler und Finanzberater werden für die Kundenberatungen mit Arbeitsbehelfen und Weiterbildung unterstützt.