Oh Gott, wie schrecklich

von Mario Passini

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Liebe Leserin, lieber Leser. Langsam, und viel zu spät, um noch etwas daran ändern zu können, ist es dennoch an der Zeit, sich der gegenwärtigen Lage bewusst zu werden und Tatsachen ins Auge zu sehen. Politisches Einschlafgerede nutzt, beruhigt nicht mehr.

Europäische Spitzenpolitiker werden nicht müde Herrn Putin aufzurufen den Krieg doch zu beenden und Frieden zu schließen. Die armen, märchengläubigen, Staatsmänner. Sie verschließen die Augen vor Tatsachen und sind naiv. Warum? Weil sie die Entwicklungen im Reich des Bösen (US-Präsident Ronald Reagen, 1983) verschlafen haben. Selbst die Tatsache, dass Vladimir ihnen, immer wieder, direkt ins Gesicht gelogen hat, hat sie nicht wachgerüttelt. Er beabsichtige nicht in die Ukraine einzumarschieren, erzählte er ihnen. Dabei lagen die Kriegspläne längst fertig in der Schublade. Stolz kann Vladimir darauf nicht sein. Seine Gegenüber waren demokratieinfizierte, gutgläubige Gesprächspartner.
Wir rufen stetig, dass wir für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind, verweigern uns aber gleichzeitig der Ukraine kriegsbeendend beizustehen. Der Westen ist bequem geworden. Ein guter Deal ist immer noch mehr wert. Das ist falsch, rufen die Beruhiger. Wir helfen – mit Spenden, Waffenlieferungen und Benefizkonzerten. Man hofft auf Friedensverhandlungen. Diese gibt es sogar schon. Die aber sind Fake. Putin will keinen Frieden. Er will die Ukraine erobern. Koste es was es wolle. Einer hat es erkannt. Ukraine Präsident Wolodymyr Selenskyi. Er fordert ehrliche Verhandlungen.
Wir, die Westler strafen Herrn Putin und seine Mordgesellen mit strengen, noch nie dagewesenen Sanktionen: Darunter: Wir liefern keine Luis-Vuitton-Taschen mehr und Schweizer Uhren auch nicht. Dafür füllen wir täglich die Kriegskasse des Herrn Putin. Wir, der Westen sind zu harmlosen Krämerseelen verkommen. Hat uns der Krieg wachgerüttelt? Nein, Wir wollen uns nicht verteidigen. Schlimmer noch: Wir können uns nicht verteidigen! Weil Putin wusste, dass die westlichen Krämerseelen nicht eingreifen werden, hat er freie Hand, schickt Überschallraketen, zerbombt Kinderkliniken, Spitäler, ganze Städte. Das sind nicht wir, sagt sein Sprachrohr Lawrow, dem keine Ungereimtheit zu doof ist. Deshalb sagt er auch, nicht wir, sondern ukrainische Söldner zerstörten alles. Und damit die Westler richtig schlottern hat Vladimir den Atomhammer hervorgeholt. Ein Bluff. Weiß doch jeder, wer als Erster den roten Knopf drückt, stirbt als zweiter. Stimmt nicht, weiß Vladimir. Europa kann sich atomar nicht verteidigen. Denn nach dem Gesetz vom Gleichgewicht des Schreckens, müsste der Gegenschlag, der sogenannte Zweitschlag, vor dem Einschlag der Feindraketen erfolgen. Raketen-Flugzeit in Europa: zirka 6 Minuten (in Worten sechs). Dazu gibt es den sogenannten Abschussautomatismus. Nur, die Euro-Nato hat keine Zweitschlagoption. Europa hat auch keinen Iron-Dom. Die Nato ist damit zum Synonym für all das geworden was heute falsch läuft.
In einer Propaganda-Zeremonie im Luschniki-Fußballstadion erklärt Vladimir einer enthusiasmierten Menge seine Friedensmission. Irgendwie hat mich das an historische Filmaufnahmen erinnert. Da rief auch einer: „Wollt ihr den totalen Krieg?! Sollten die heldenhaft tapfer kämpfenden Ukrainer gegen Hyperschallraketen und brutale, entsetzliche Thermowaffen unterliegen, dann kennt Valdimir schon die nächste Beute. Nein, sagen uns die westlichen Einschläferungsexperten. Sie seien erinnert am Ungarn 1956 und Prag 1968. Vladimir´s Hunger nach Eroberung ist noch lange nicht gestillt. Nach seinem Verständnis war der Zerfall der Sowjetunion die größte Tragödie des 20. Jahrhunderts. Vladimir will in die Geschichte eingehen. Er sieht sich schon in einer Linie mit Katharina, der I. und Peter I., den Großen. Auch er, Vladimir, will der Große sein.
Das ist Faktum. Der Westen agiert nach dem Motto: Stell dir vor es gibt Krieg und keiner geht hin. Das böse Ende dieser Geschichte? Wladimir sieht sich bestätigt. Der Westen ist schwach. Er wird nicht lange fackeln und nehmen was er will. Er ist sich sicher den verweichlichten, dekadenten Westen einsacken zu können. Darum hat Ukraine-Präsident recht: Wir kämpfen für Euch! Für Europa! Für Freiheit und Demokratie! Für unser aller Frieden! Dafür geben die heldenhaft kämpfenden Ukrainer ihr Leben.

Mein Gott wie schrecklich, wie theatralisch. Die skurrilste Erkenntnis daraus hatte Englands Premier Boris Johnson gezogen: Er vergleicht das Drama in der Ukraine mit dem Exit. Ehrlich, geht´s noch, Boris? Die Bibel, Johannes 9 (sagt in etwa): Und Gott strafte sie durch Blindheit. Mein Gott, wie schrecklich, wie abscheulich.
Wie erfreulich. Uns trifft es nicht. Gemma Benefizkonzert feiern.
Mario Passini