Präventive Gefahr

von Mag. Christian Sec

Prävention soll uns vor den Gefahren des Lebens schützen. Ihr unsichtbarer Nutzen ist jedoch selbst eine schwellende Gefahr.

Wir sind zu einer Präventionsgesellschaft geworden. Schon im Wiegenalter kreist nicht mehr der Schutzengel über uns, sondern Helikoptereltern, die viel früher einschreiten als es das Himmelsgeschöpf, je getan hat. Damals zu Zeiten der himmlischen Beschützer gab es aufgeschundene Knie, Stürze von der obersten Sprosse der Kinderrutsche oder gar Brennnesselattacken. Die gesunde Balance zwischen Selbstverantwortung und himmlischen Schutz war das Ziel. Wer die Kindheit damals überlebte hatte Schrammen und Narben und einen Instinkt für die Gefahr entwickelt. Damit ist längst Schluss. Die Helikoptereltern sind mit viel höherem Risikovermeidungsbewusstsein ausgestattet als es die Schutzengel je waren. Jeder Fehlschritt, der ein Stolpern verursachen kann, wird in weiser Voraussicht bereits im Keim erstickt. Kommt es trotzdem einmal zu einem Hoppala, bei dem das Kind die Grenzen der eigenen Physik erlernen konnte und sich gar das Knie aufschürfte und dies noch mit lautem Geschrei untermalt, werden die Rabeneltern von echauffierten und entsetzten Erwachsenen, meist selbst Helikoptereltern, mit strafenden Blicken sanktioniert. Wahre Fürsorge heißt Risikobeseitigung bzw. Prävention und wer sich diesem Konzept verweigert und die Kinder wieder ein wenig den Schutzengeln überlässt, der hat mit einem Anruf vom Jugendamt zu rechnen.

Prävention als Wirtschaftsfaktor

Ja Risikobeseitigung und das Abwenden von Gefahren ist das Gebot der Stunde, sie ist zur gesellschaftlichen Norm geworden. Wer sich nicht daran hält, wird Werbeträger von Red Bull mit der Garantie eines kurzen Lebens, oder zum trotzigen Außenseiter, der sich mit Behörden anlegen muss, weil er wieder nicht den Sicherheitsgurt angelegt hat. Der Staat ist zum Obererzieher für Prävention geworden. Sie sind allgegenwärtig die Regeln zu unser aller Sicherheit. Die wirtschaftliche Bedeutung des immer strengeren Regulativs für vorbeugender Maßnahmen ist nicht zu unterschätzen. Nicht zuletzt in den gesättigten Märkten Westeuropas bilden strengere Regulative zum Schutz der Bevölkerung eines der wenigen Wachstumsfelder für viele Branchen. Brandschutztüren, Autosicherheitssysteme, Sicherheitsnormen für Elektrizität, Heizung, Arbeitnehmerschutz oder Datenschutz und lassen neue Industriezweige entstehen. Selbstverantwortung wird durch institutionalisierte Regeln zur Risikominimierung ersetzt. Dies lässt sich am besten veranschaulichen, wenn man mit Youtube einen Blick in die Vergangenheit wirft und sich ein Formel Eins-Rennen oder einen Abfahrtslauf aus den 1970er oder 1980er-Jahre ansieht. Ein Sturz bei einem Abfahrtsrennen endete damals irgendwo an einem Baumstamm oder in einem Heustadl. Rennautos waren so sicher wie Seifenkistenautos mit Düsenantrieb. Das Überleben eines Unfalls war eine Frage des Glücks. Während aber damals die Piloten meist zur Gänze die Schuld an ihrem Unfall trugen, weil sie ihre Fähigkeiten überschätzten, so wird heute oftmals die Schuld den Veranstaltern in die Schuhe geschoben, weil die Sicherheitsvorkehrungen nicht optimal waren. Man könnte meinen, wir wandeln traumwandlerisch wie Adam und Eva im Paradies, und essen vom Baum der Erkenntnis, ohne Gedanken an Schuld oder Selbstverantwortung.

Unsichtbarer Nutzen

Der Nutzen von Prävention wird selten enthüllt. In der Literatur spricht man in diesem Zusammenhang vom Präventionsparadoxon. Am Beispiel der Corona-Pandemie wird dies deutlich. So beschreibt Christian Drosten, dass die Maßnahmen durch die Bevölkerung angezweifelt wurden, die durch die Regierung zur Verhinderung der Ausbreitung der Pandemie getroffen wurden, mit der Begründung, eine prophezeite Ausbreitung des Virus habe nie stattgefunden. Dabei verhinderten wahrscheinlich erst diese Präventivmaßnahmen die Ausbreitung. Dies bedeutet: Je erfolgreicher eine solche Maßnahme wirkt, umso niedriger ist die Akzeptanz. Man stelle sich nur vor, die Infektionszahlen wären trotz der Präventivmaßnahmen in die Höhe geschnellt, dann wäre die Akzeptanz der Maßnahmen höher gewesen, trotz deren Erfolglosigkeit. Der unsichtbare Nutzen führt jedoch zu einer Gefahr, die bei Präventivmaßnahmen für ganz Bevölkerungsbereiche nicht unproblematisch sind. Denn alles was unsichtbar ist wird Gegenstand einer Deutungshoheit. Die Entscheidungsträger wissen um das Dilemma, und müssen den Nutzen manchmal mit drastischen Worten darlegen: „Bald wird jeder von uns jemanden kennen, der an Corona gestorben ist“, meinte daher unser Kanzler, um die Maßnahmen gegen Corona zu rechtfertigen. Er musste also in scharfen Worten den Nutzen des Einzelnen hervorheben, der sich durch die Prävention ergibt. Ob dieser selbst an seine Worte glaubte oder nicht, sei dahingestellt. Der Nutzen ist aber nicht nur für den Einzelnen unsichtbar, sondern auch für die Allgemeinheit nur spekulativ. Ein Extrembeispiel stellt dabei der Präventivkrieg bzw. Präventivschlag dar. So wurde der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941 von den Deutschen als Präventivschlag bezeichnet, um einen bevorstehenden sowjetischen Angriff auf das Deutsche Reich zu verhindern. In der jüngeren Geschichte verwendete George W. Bush den gleichen Begriff als vorbeugende Maßnahme gegen Attacken von „Schurkenstaaten“. In beiden Fällen werden die wichtigen Eigenschaften der Prävention deutlich. Der Nutzen bleibt unklar, denn der Angriff der Gegenseite ist nur spekulativ. Wenn der Nutzen jedoch unklar bleibt, ist die Deutungshoheit umso entscheidender und daher ist die Gefahr des Missbrauchs der Prävention als Argument zur Verbergung anderer Ziele sehr hoch.

Hohes moralisches Gut

Prävention wird also zum Supertrumpf in der öffentlichen Diskussion. Wer die Präventionskarte zieht der kann sich für all seine Aktivitäten legitimieren. So erlaubt das moderne Kriegsvölkerrecht nur Verteidigungskriege, diese umfassen jedoch auch Präventivschläge. Präventivhaft, Gewaltprävention, Präventivkrieg ja sogar Präventivmord werden zu Instrumenten des Machterhalts. Während jedoch die Prävention auf der Seite der Machthaber ein dahinterliegendes Motiv verbirgt, wird sie gleichzeitig für die Bevölkerung zum Zweck schlechthin stilisiert und somit zu einem hohen moralischen Gut. Das ist umso wichtiger, weil es ja für den Einzelnen ein Opfer verlangt, das höher ist als der eigene Nutzen. Egal ob Sport oder Ernährung, wir betreiben heute beides präventiv und damit unlustvoll, was ja ein Symptom hoher Moral darstellt. Wenn wir also mit den Segnungen der Prävention wieder im Garten Eden gelandet sind, sollten wir wissen, dass es dort Früchte gibt die verderblich sind.