Raub an der Kindheit

von Mag. Christian Sec

Wieviel Zeit wollen wir den Kindern für ihr Kindsein geben? Unser Schulsystem jedenfalls geht nicht allzu großzügig damit um, wenn es darum geht den Kindern mehr Zeit zu geben.

„Gebt den Kindern das Kommando“, singt Herbert Grönemeyer seit nunmehr 35 Jahren. Die Welt der Kinder als Spiel, anarchisch und frei von Regeln, so sieht das Paradies des deutschen Barden aus, aber nicht nur für ihn, ansonsten wäre es nicht zu einer Hymne für Generationen geworden. Die Sehnsucht nicht danach zu fragen was richtig und falsch ist, sondern nur der wilden See unserer Träume und Empfindungen zu gehorchen liegt in allen von uns. Von den Zwängen des Erwachsenenseins erdrückt wünschen wir uns die Freiheit zurück, mit der wir aus Neugier fliegen lernten, bis uns irgendwo zwischen Schule und Arbeitsleben die Flügel gestutzt wurden. Unser Schulsystem steht für das Hochzüchten der Vernunft und der Normierung. Die Cleveren werden als Streber tituliert und damit zu Außenseitern, genauso wie die schlechten Schüler, die wegen ihrer „Dummheit“ verachtet werden. Dieser Prozess endet in der Normierung, die zur Mitte tendiert. Normierungen verlangen nach Kategorien wie richtig und falsch, Gut und Böse und als Überkategorie Sieg und Niederlage. Mit Trainingseinheiten von Schularbeiten und Tests wird der Ponyhof zum geglätteten Rennpferdstall verwandelt, der dabei ganz genau die Sieger lobt und Looser stigmatisiert. Die Normierungen bestimmen, wie wir denken und wie wir agieren. Am Ende wird man für die soziale Verträglichkeit und für die gelungene Uniformierung und Konformitätsfähigkeit mit einem Reifezeugnis ausgezeichnet. Man hat den letzten Beweis geliefert, dass man fähig ist das Öl im Getriebe der Gesellschaft zu sein, und nicht der Sand.

Das falsche Menschenbild

Warum also wird dieser Aufwand betrieben, dass unsere Kinder flächendeckend dieser gewaltigen Manipulation ihrer Einzigartigkeit ausgeliefert werden? Es scheint ja auf den ersten Blick ziemlich unsinnig, Menschen zu funktionierenden Maschinen zu verwandeln, wenn man bedenkt, dass solche Normen keine Naturgesetze sind, sondern selbst von Menschen geschaffen, die sich wiederum dieser selbstgeschaffenen Unfreiheit beugen müssen. Es gibt grundlegend zwei Menschenbilder, erklärt hierzu der berühmte Psychiater Reinhard Haller. Die einen gehen davon aus, dass der Mensch grundsätzlich ein böses Wesen ist und universell kriminell. Wenn man Kinder beobachtet, wie grausam sie sein können, so Haller weiter, ist diese Theorie nicht abzuweisen. Vertreter dieser Richtung meinen: „Wir müssen die Menschen zu guten und sozialverträglichen Menschen erziehen“. Sozialverträglich also. Was bedeutet das? Wenn wir es von Natur aus nicht sind, dann heißt das somit den eigenen freien Willen zu verkaufen für das größere Wohl der Gesellschaft, sowie Faust seine Seele an den Teufel verkauft. Das Leben kennt die Phasen der Reue für diesen Akt als Midlife-Crisis, wo gegen diese vor langer Zeit verlorene Freiheit mit vehementer Energie und begrenzten Fähigkeiten ohnmächtig angekämpft wird, was unweigerlich in tragisch-komischen Bildern endet. Aber es gibt auch noch eine andere Glaubensrichtung die besagt, das Kind ist tatsächlich unschuldig und erst die Umgebung, die lieblose Mutter und der abwesende Vater machen den Menschen böse, und er konkludiert: „Ich glaube es ist beides der Fall. Ich glaube es ist das Gute im Menschen drinnen, aber ich rechne sehr stark mit dem Bösen.“ Wenn dem so ist, müssen wir dann nicht alles tun, um dieses Bildungssystem, welches nur auf das erste Menschenbild zugeschnitten ist, zu reformieren? Ist es nicht eine Verschwendung unserer Ressourcen und Lebensqualität, wenn wir als oberstes Ziel die normierte soziale Verträglichkeit des Menschen sehen und nicht seine Einzigartigkeit?

Das finnische Schulsystem

Das finnische Schulsystem wird immer wieder als Beispiel für ein tolles Bildungssystem herangezogen, vor allem auch deshalb, weil die PISA-Tests Finnland immer wieder als eines der leistungsfähigsten Schulsysteme weltweit identifizieren. Man könnte laut unserem Verständnis meinen, der Drill trägt Früchte, aber falsch gedacht. In Finnland konzentriert man sich auf das Kind als Ganzes und beschränke sich nicht nur auf dessen akademische Leistungen. Spielen gehört in finnischen Schulen genauso zum Unterricht. Die Schultage sind kurz, es gibt viele Pausen, in denen die Kinder draußen spielen können. Auch der Nachmittag sei nicht zum Hausaufgaben machen da, sondern um sich mit Freunden zu treffen oder seinen Hobbies nachzugehen. Und zu guter Letzt, finnische Kinder werden erst mit sieben Jahren eingeschult. Das Kindsein wird also in Finnland nicht als schnellstmöglich zu überwindender Lebensabschnitt gesehen, sondern als Quelle fürs Leben und Lernen. In diesem Sinne: Gebt den Kindern das Kommando!