Schlechter Brexit (2 Teil)

von Mario Passini

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Brexiteers jubeln. Sie haben ihr Ziel erreicht. Auf dem Rückweg zur Wiederauferstehung einer Art Victorianischen Zeitalters sind alle anderen, durch den Brexit ausgelösten Probleme völlig uninteressant. Die Extremisten müssen auch nicht a la Trump ein Kapitol stürmen. Sie haben eine bequeme, ja überwältigende Mehrheit im Londoner Parlament.
Andere in Großbritannien (GB) sehen die Lage etwas anders. Schottland und Irland wollen in der EU bleiben und denken über politische Lösungen nach. Darüber, so ließ Premier Johnson ausrichten, brauche man sich vor 2050 keine Gedanken machen.
Wenig überraschend ist auch, dass die britische Versicherungs- und Rückversicherungsbranche offen ausspricht, dass der Brexit für sie keinen Nutzen bringt. Bekanntlich wurde GB mit 1. Jänner 2021 zu einem Drittstaat. Dieser Tatsache wegen sind noch viele aufsichts- und kartellrechtlichen Fragen offen. Mit allen unbequemen Konsequenzen. Dazu gehört unter anderem, dass man im Wege des Dienstleistungsverkehrs, ohne eine Niederlassung, im jeweils anderen Wirtschaftsraum nicht mehr grenzüberschreitend tätig werden kann. Bürokratisch “EU Passporting” genannt. Wer jetzt von GB aus in der EU tätig werden will, braucht unabdingbar eine sogenannte Drittstaaten-Niederlassung oder ein Tochterunternehmen. Das bringt hohe Folgekosten.
Aber auch in der EU ist, abgesehen vom allgemeinen Bedauern über den GB-Ausstieg, die Branche alles andere als glücklich. War doch, und ist, Großbritannien ein wichtiger Markt. Schon haben auch europäische Versicherungskonzerne Partner in GB gesucht und gefunden um beispielsweise Wohngebäudeversicherungen in Großbritannien anzubieten. (Helvetia). Auch Getsafe ist nach Großbritannien gezogen. Und auch die weltweit tätige Versicherungsbörse Lloyds musste sich den Gegebenheiten beugen. Die Allianz hat das Beste aus zwei Welten gemacht und ist in Großbritannien zum zweitgrößten Versicherer aufgestiegen. Zuerst kaufte man den Branchenteil von Liverpool Victoria Friendly Society und dann realisierte man die bereits vorbereitete Übernahme des Branchenteils von Legal & Generals. Im Mirror sagte ein KPMG Experte: „Die Branche müsse auch künftig unabhängig handeln können, um erfolgreich zu sein. Denn, es wäre sinnwidrig, naiv und unklug strategische Geschäftsentwicklungspläne dauerhaft von Verhandlungen politischer Entscheidungsträger und unbestimmter Vereinbarungen abhängig zu machen”.
Extreme Unsicherheit herrscht besonders auf dem Gebiet der sogenannten „Level playing fields“. Das Risiko ist groß, dass aufsichtsrechtliche Fragen verändert, von Sachlagen abweichen oder gar unterhöhlt werden. Das trifft nicht nur Industriesparten und den Bereich der Financial Lines-Versicherungen, wie etwa die D&O-Deckungen und die Cyberrisken. So ist das eingetreten, was Fachleute befürchteten. Der Brexit erschwert den Zugang zum Markt, hemmt potenzielle M&A-Deals und schafft aufsichtsrechtliche Fragen. Heintje sang vor etwa vierzig Jahren: „Mamatschi, solche Pferde wollt´ ich nicht.“ Gilt wieder.