Schmerzhafte Normalisierung der Märkte

von Michael Kordovsky

Michael Kordovsky

Inflationsschübe, Warenknappheit, ein stärkerer Staat und negative Realzinsen wecken Erinnerungen an die 40er- und 70er-Jahre. Doch ein Vergleich mit diesen Zeitperioden hinkt, da es erst seit wenigen Jahren überhaupt Negativzinsen gibt.
Die 40er-Jahre waren geprägt von einen weltumspannenden Krieg der zu hohen Staatsdefiziten, steigender Verschuldung und einen Inflationsschub durch Warenknappheit führte. Heute findet kein weltumspannender Krieg zwischen Staaten statt, aber die Bekämpfung einer globalen Pandemie durch Ausgleichszahlungen für von Einschränkungsmaßnahmen geschädigte Firmen führte bei den entwickelten Staaten zum höchsten Schuldenberg, den es je in Friedenszeiten gegeben hat. Von 2000 bis 2020 stieg laut IWF die Staatsschuld der entwickelten Volkswirtschaften von 69,7 auf 122,5 Prozent des BIP. Die Staatsschuld der USA stieg von 53,1 Prozent im Jahr 2001 auf für 2020 erwartete 127,1 Prozent des BIP, verglichen mit ca. 119 Prozent im Jahr 1946, während unmittelbar vor dem ersten Ölschock 1973/74 die US-Staatsverschuldung lediglich 32 Prozent des BIP betrug.

Quantitative Lockerung ein Novum der 2000er-Jahre

Wo früher höhere Steuern einen Schuldenabbau ermöglichten, wird heute mit Staatsanleihenkäufen der Notenbanken versucht, die Zinsen niedrig zu halten, um Staaten zu entlasten und die Ausmaße der Staatsanleihenbestände der Fed und EZB deuten zunehmend auf eine Monetarisierung der Staatsschulden hin:

Per 1. September hielt die Fed US-Staatsanleihen im Wert von 5,36 Billionen Dollar bzw. 25,6 Prozent des US-BIP im Jahr 2020. Indessen hält das Eurosystem in der Bilanz vom 27. August 2021 Anleihenemissionen des Euroraums (der Löwenanteil öffentliche Papiere) im Volumen von 4,58 Billionen Euro , eine Summe äquivalent mit 40,3 Prozent der Wirtschaftsleistung des Euroraums im Jahr 2020. In der Folge liegt das Staatsanleihenvolumen mit Negativrendite im Euroraum bereits bei 7,5 Billionen Euro. In den USA pendeln derzeit die Renditen zehnjähriger Treasuries irgendwo zwischen 1,20 und 1,40 Prozent.
Die Anleihenkäufe der Notenbanken werden auch als „Quantitative Easing“ (quantitative Lockerung) bezeichnet und wurden erstmals von der Japanischen Zentralbank im März 2001 angewandt, ehe es im Zuge der Finanzkrise in den USA am 16. Dezember 2008 losging.

Inflation und Zinsen in den 40er- und 70er-Jahren

Nimmt man die Rendite-Historie seit 1913 so gab es zuletzt von 1939 bis 1956 eine ausgedehnte Niedrigzinsphase in deren Tief im Sommer 1941 die Renditen zehnjähriger US-Treasuries kurz unter zwei Prozent fielen. Hingegen in den 70er-Jahren waren Renditen zwischen sechs und zehn Prozent üblich, was auf eine Periode höhere Inflationsraten zurückzuführen war, deren Höhepunkt mit 14,8 Prozent im Jahr 1980 erreicht wurde. Damals hatte die Fed auch die Leitzinsen angehoben. Mehr dazu lesen Sie in der September Ausgabe von risControl Print