So ein Jubiläum – das haben wir nicht gewollt.

von Mario Passini

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Im März vorigen Jahres war es unvorstellbar, dass halb – was heißt halb – Europa amtlich geschlossen wird. So ungefähr zweihundertfünfzig Millionen Europäer gingen unfreiwillig in Quarantäne. Nur ganz wenige Ausnahmen gab es: Lebensmitteleinkauf oder Arztbesuch. Wer sich nicht daran hielt musste mit Geldstrafe rechnen. Reisen? Frühling feiern? Denkste.
Und dennoch schlug der Virus zu. Die Infektionen verdoppelten sich in einigen Ländern alle paar Tage. Eine kurze Pause im Sommer ließ Hoffnung auf Befreiung aufkommen. Doch das Gegenteil trat ein. Es folgte Welle auf Welle. Nur schockiert das heute kaum noch jemand. Man gewöhnt sich auch an den Schrecken. A la lieber Augustin. Jetzt, nach einem Jahr, durften wir kurz noch auf Entspannung hoffen. Doch es bleibt wohl dabei: Kein herumlungern auf Caféterrassen, keim Mittagessen im Restaurant und an Stelle von Küsschen auf beide Wangen bleibt´s beim Ellbogenstoßen.

Jetzt, im März 21, also das Jubiläum. Ein Jahr kollektiven Eingesperrtseins. Und damit wir uns weiterhin brav verhalten, drohen uns Experten in allen Medienkanälen, dass es noch viel schlimmer kommen wird, wenn wir uns nicht disziplinieren lassen. Schuld daran seien Mutanten. Der zuletzt erkannte kommt aus Südamerika. Es sollen sich aber schon weitere eingeschmuggelt haben. Also lautet der Beschluss, dass man weiter brav sein muss. (Nach: Wilhelm Busch)

Die Bürokratie hat Hochsaison, die Wintersportorte haben geschlossen. Als Ausweg gelten Tests. Das ist ein eher vordergründiger Trost. Die neuerlich steigenden Infektionszahlen beweisen das. Aber immerhin es hilft – logisch. Psychologisch. Geimpft wäre zwar besser: „hammwa aber nich“. Aber, wenn einmal alle geimpft sein werden, gibt es Vergünstigungen! Das wird heute schon versprochen. Ein Jahr geübt – sind wir gewohnt und wollen es weiter – einige zumindest: Homeoffice. Denn fast 70% der Kontinentaleuropäer sind der Meinung, dass dauerhafte Veränderungen bei der Arbeit unvermeidlich sind. Und eine Umfrage in Frankreich ergab gar, dass mehr als 80% künftig mehr von zu Hause aus arbeiten wollen. Einer europaweiten Umfrage zufolge sagen sechs von zehn Befragten, dass sich ihr Ausgabeverhalten geändert habe, und glatte 74% sind bereit, mehr für Produkte zu bezahlen, die auf nationaler Ebene hergestellt werden. Jetzt schätzen mehr als die Hälfte die Beziehungen zu Freunden und Familie. Und fast 40% wollen mehr Platz zu Hause, einen Balkon, gar einen Garten.

Frédéric Daby vom Meinungsforscher Ifop sagt (Le Parisien): „Die Lockdowns haben bereits bestehende Trends enorm beschleunigt. Die Einstellung des Verbraucherverhaltens, zu Arbeitsplätzen und zu Hause haben sich verändert. Ob sich dies als dauerhafte, zivilisatorische Veränderungen erweisen werden, wird sich schnell zeigen. Die kollektive Psychologie hat sich jedenfalls sicherlich bewegt. “

Jetzt also das Jahresjubiläum der Schließung von Kunst, Kultur, Sport, Gastronomie, Reisen und allem was das Leben lebenswert macht. Wundert es wen, wenn die Forscher der Universität des Saarlandes feststellen, dass die Lebenszufriedenheit „erheblich zurückgegangen ist – Sorgen, Stress und Depressionen zugenommen haben.“ Das hätten wir auch ohne Forschung gefühlt, erlitten, gewusst. Auf so ein Jubiläum hätten wir alle gern verzichtet.
Doch staatliche Desinformationskampagnen bereiten uns inzwischen auf eine neue, noch viel dramatischere Welle vor. Es ist eine Art Krieg. Es heißt: Das erste Opfer eines Krieges ist die Wahrheit: Und DAS ist die – traurige – Wahrheit.