Sündige Vorsorge

von Mag. Christian Sec

©© Nonnel John Vilbar

Traue keinem über den Weg, der in jungen Jahren wie ein Mönch gelebt hat. So oder so ähnlich begann ein Professor am Institut für Versicherungswesen einstmals seine Vorlesung über die Vorsorge. Wer keine Leichen im Keller verstaut hat, der ist für eine nachhaltige Vorsorge ungeeignet. Mit diesem Einstieg packte er das versammelte Auditorium und noch heute über 20 Jahre später sind einzelne Teile seiner Vorlesung noch tief in meinem Gedächtnis verankert. Der Sündenpfahl der Jugend ist die beste Versicherung für das Alter meinte er mit einem Augenzwinkern, wobei die tiefen Spuren in seinem Gesicht erahnen ließen, dass er wahrscheinlich aus eigener Erfahrung sprach. Und dann, so erinnere ich mich, sprach er von einem Idealverlauf des Sündigens, welches in der Jugend steil ansteigt und dann mit zunehmendem Alter flacher wird – „notgedrungen“, wie er fast schluchzend meinte und damit die Annahme bestätigte, dass er sich in einer veritablen Midlife-Crisis befand. Adam und Eva waren alles andere als Pensionisten, und hatten noch keine Ahnung von Gut und Böse, aber auch die Konsequenzen ihrer Entscheidungen waren ihnen nicht bewusst. Sie waren so unverdorben, dass sie nicht einmal wussten, was sterben bedeutete. Sie wussten nur, dass ihnen Gott ein Verbot auferlegte, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen. Aber mit dem Verbot schenkte ihnen Gott gleichzeitig die Freiheit, erklärte der Professor einer verwunderten Hörerschaft. Wie vermittelt man einem Kind das Gefühl, dass es Freiheit hat? Indem man ihm etwas verbietet. Es ist nicht das Angebot tue was du willst, dass uns der Freiheit näherbringt, sondern es ist das Verbot. Er erzählte von seiner Kindheit und der elterlichen Bibliothek, und von einigen Büchern hieß es, das darfst du nicht lesen, dafür bist du noch zu jung. Natürlich waren es genau die Bücher, die, kaum waren die Eltern aus dem Haus, sein Interesse weckten. Hätte es das Verbot nicht gegeben, wäre er auf diese Bücher wahrscheinlich gar nicht gestoßen. Erst das Verbot macht neugierig, auf das was durch das Verbot tabuisiert wird. In dieser unmittelbaren Freiheitsentscheidung entsteht so etwas, und an diesen Ausdruck kann ich mich noch sehr genau erinnern, wie „Angstlust“. Die Lust das Verbot zu Übertreten, gepaart mit der Angst vor den Konsequenzen. Dieses Gefühl der Angstlust mussten auch Adam und Eva erlebt haben, als sie von tausenden möglichen Bäumen gerade vom Baum der Erkenntnis aßen, der ihnen zuvor von Gott verboten wurde. Der Professor war, so schien es weit vom Thema abgedriftet und weit weg davon die Kurve zu bekommen zum eigentlichen Thema der Vorlesung. Aber schon allein die Vorstellung wie er wieder zurückkehren wollte, ließ uns alle an seinen Lippen hängen. Er hielt inne, bevor er seinen nächsten Gedanken setzte. Die Angstlust, ist nicht die Entscheidung, die wir im Supermarkt treffen, wenn wir zwischen Waschmittel A und B entscheiden. Sie führt zu einem ethischen Entscheidungsprozess, der die Angst vor den Konsequenzen der Lust gegenüberstellt, erklärte er sehr bedächtig. Siegt die Lust über die Angst, so wird man das Verbot übertreten und umgekehrt. Meist unterdrücken wir die Lust, weil wir auch Sicherheit in unserem Leben verlangen. Nun erzählte er von Freud, der so etwas ähnliches gesagt haben soll. Es ist daher von entscheidender Bedeutung, dass wir in unserer Gesellschaft Verbote haben, genügend Verbote, die uns die Freiheit geben, diese auch übertreten zu können. Adam und Eva könnten heute noch durch den Garten Eden traumwandeln, hätten sie ihre Lust unterdrückt. Aber sie hätten in diesem Fall nie Erkenntnis gewonnen, wie uns die Bibel erzählt. Sie begannen zu spüren, was es heißt sterblich zu sein. Sie erlebten, dass ihre Freiheit, also ihre Entscheidungen Konsequenzen für die Zukunft haben, sogar für ihre Kinder und Kindeskinder. Ab diesem Moment der Erkenntnis, wären sie bereit gewesen für die Vorsorge, erklärte der Professor einer verdutzten Hörerschaft. Und dann hielt er kurz inne, um seinem nächsten Bonmot die richtige Aufmerksamkeit zu schenken. „Wobei die größte Sünde in der Vorsorge der Optimismus ist“. Fragend blickte ich mich um, wo ich wiederum nur auf fragende Gesichter stieß. Aber dann dämmerte es. Die Geschichte war rund geworden. Der Optimismus der Jugend, der zur Sünde neigt muss vergehen, bis man sich vollends der Vorsorge zuwenden kann. Lesen Sie mehr dazu in der Mai Ausgabe von risControl.