Verdammte Freiheit

von Mag. Christian Sec

@1STunning ART

„Wir sind verdammt frei zu sein“, so brachte einst Jean-Paul-Sartre das Dilemma unseres Lebens auf dem Punkt. Allein die Möglichkeit uns in jeder Situation entscheiden zu müssen, macht unser Leben nicht gerade einfacher. Das gilt auch für unsere finanzielle Vorsorge
Kein Wunder, dass in gewissen Zeitintervallen große Führerpersönlichkeiten, sich noch größerer Beliebtheit erfreuen, da sie uns ein wenig von der beschriebenen Verdammnis der Freiheit nehmen. Man muss aber nicht unbedingt die große politische Keule schwingen, um die Freiheit der Entscheidung verfluchen zu können. So wird unsere Verdammnis nicht unbedingt kleiner, umso mehr Informationen wir über einen Sachverhalt gewinnen. Der Glaube durch mehr Information eine Entscheidung treffen zu können ist höchstens irrig oder gar selbstverleugnend. Denn oft wird eine noch zu gewinnende Expertise als Vorwand verwendet, sich noch nicht entscheiden zu wollen. „Ich muss noch ein paar Informationen sammeln“, heißt es oft. Nehmen wir hierzu das Beispiel der privaten Pensionsvorsorge: Der informierte Mensch hat die Qual der Wahl. Versicherungs- Bankprodukt oder Vorsorgewohnung, Aktien oder Anleihen, Indexfonds oder aktiv gemanagter Fonds. Die Variationen sind bei genauerer Betrachtung schier endlos. Aber damit nicht genug muss er seine Zukunft im Vergleich zur Gegenwart bewerten, um einen Betrag festzulegen, denn er für die Vorsorge bereit ist zu zahlen, um dafür weniger verfügbares Kapital für die Gegenwart übrig zu haben. Er muss Gebühren, Steuerlast und Risiko der einzelnen Möglichkeiten gegenüberstellen und all dies mit seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen für die Zukunft in Einklang bringen. Schon aufgrund der verschiedenen Parameter gehört die Vorsorge wohl zu einer der kompliziertesten Entscheidungen im Leben eines Menschen. Es gibt sie eben nicht die eierlegende Wollmilchsau, die für alle Fälle die beste Lösung parat hält. Kurzgefasst der informierte Mensch sieht sich in einem Dilemma. Je mehr er darüber in Erfahrung bringt, umso unschlüssiger wird er. Denn er sieht nicht nur die Chance, sondern auch das was er mit einer endgültigen Entscheidung verpasst. Der Ökonom würde sagen, jede Entscheidung ist mit Opportunitätskosten verbunden. Heiratet eine Frau Mann A, so kann sie nicht gleichzeitig Single sein. Ihre Entscheidung kostet der Dame also die Freiheit des Singlelebens oder gar eine Beziehung mit Mann B – der höchstwahrscheinlich auch nicht von schlechten Eltern ist. Der Philosoph Sören Kierkegaard würde sagen heirate, du wirst es bereuen, heirate nicht, du wirst es auch bereuen. So oder so du wirst beides bereuen.
Aber was nun?
Wenn jede Entscheidung zur Reue führt, warum sollte man sich den Aufwand der Entscheidung überhaupt antun? Das Beste oder besser gesagt das rationalste wäre also dementsprechend keine Entscheidung zu treffen. Fragt man die Menschen über die glücklichste Zeit in ihrem Leben, dann war es meist die Kindheit oder die Jugend, also eine Zeit als die Eltern jeden weiteren Schritt des Kindes planten, egal ob dieser, der Schritt nämlich, nun besonders klug war oder auch nicht. Im schlimmsten Fall ist es dabei noch immer möglich die Eltern sein eigenes späteres Unglück zu verurteilen, was noch immer tausende Male besser ist, als zu bereuen. Vater Staat versucht in vielerlei Hinsicht die Elternrolle quasi fließend von den leiblichen Eltern zu übernehmen, sodass jede Person ein wenig vom kindlichen Glück des sich nicht Entscheiden-Müssens beibehalten kann. Im Idealfall bis zum Lebensende. Dies gilt auch für die Pensionsvorsorge, die in Österreich vorbildlich funktioniert. Die sogenannte erste Säule der Pensionsvorsorge ist hierzulande so dominant, dass viele ihr kindliches Bürgerdasein von der Wiege bis zur Bahre auskosten. Es ist jedoch gelungen, dass Österreich nicht zuletzt des paternalistischen Systems wegen, auch glückliche Bürger hervorbringt, wie jedes Jahr bei diversen Rankings gezeigt wird. Aber obwohl das System glücklich macht, sind dem Staat auch die Hände gebunden, was die Finanzierung des Bürgerglücks angeht. Die Pensionslücke wird in den nächsten Jahren immer weiter zunehmen, so die Erzählung der Statistik Austria. Demzufolge wird auch Vater Staat irgendwann einmal einsehen müssen, dass sich seine Bürger nicht aus der Verantwortung, einer persönlichen Entscheidung, stehlen können. Er kann dann nur noch seine Schäfchen aufklären darüber, dass jeder für seine Zukunft vorsorgen muss. Er kann uns die Tools in die Hand geben, die wir benötigen, um Entscheidungen zu treffen. Die Entscheidung selbst wird er uns aber nicht abnehmen können.
Und jetzt?
Aber wir werden versuchen auch bei höchster Expertise die Entscheidung anderen zu übertragen. Diese Übertragung der Verantwortung hat einen hohen Wert, da es beinhaltet, im Falle der Fehlentscheidung, dem Verantwortlichen die Schuld in die Schuhe schieben zu können. Es könnte sein, dass es gerade diese notorische – von einem übergroßen Intellekt erzwungene –Entscheidungsschwäche ist, die uns zwei sehr niedrige Instinkte als Gegenpole dazu in die Wiege gelegt hat. Das Herdentierverhalten und das Folgen einer charismatischen Person. Als Herdentiere vertrauen wir dabei gerne der Masse, dem Trend oder steigenden Kursen –wobei diese ja Synonyme darstellen – und zwar mehr, als unserem eigenen Hausverstand. Nicht nur die Tulpen-Blase oder der Kryptowährungsboom bestätigen dieses Phänomen, sondern auch die bizarren Geschmacksverwirrungen in Sachen Mode zu bestimmten Zeiten. Aber auch den charismatischen Führerpersönlichkeiten gehen die Anleger, unabhängig von deren Finanz-Know-How oft auf dem Leim. Der bekannteste von ihnen war wohl Bernard Madoff. Menschen, Stiftungen und sogar Finanzinstitute vertrauten seinen irrwitzigen Verheißungen, die jedem Finanz-Novizen mit ein wenig objektiver Distanz unglaubwürdig erschienen. Schäden von über 50 Milliarden Euro verursachte sein Schneeballsystem am Ende. Dabei überrascht immer wieder, dass Schneeballsysteme als Betrugsmaschine mit sonderbar wundersamen Verheißungen, die wundersamer klingen als die des „Tausendjährigen Reiches“ noch immer funktionieren. Investoren werden mit der Aussicht auf überdurchschnittliche Gewinne und Renditen angelockt. Diese werden allerdings gar nicht erzielt, zum Teil finden überhaupt keine Anlagen statt. Die eingenommenen Kundengelder werden vielmehr dazu verwandt, die Investoren der ersten Stunde auszuzahlen und damit die Einhaltung des Renditeversprechens zu demonstrieren. Damit werden weitere Anleger angelockt, die in das Schneeballsystem investieren. Der entscheidungsschwache Anleger, der so gerne der Herde folgt und den Verlockungen von Gurus erliegt wird mit einem Schlag doppelt befriedigt, bevor er auf der Schnauze landet.

Die Lösung dazu lesen Sie im nächsten risControl Print.