Vergessen Sie die Oligarchen

von Mario Passini

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Vorbemerkung: Dieser Bericht wurde Sonntag, den 27.02, abends geschrieben. Wer weiß, wie die Welt morgen, am kommenden Montagmorgen aussieht? Die Ukraine hält dem Russen-Ansturm stand – noch. Das ärgert den Diktator in Moskau so sehr, dass er – noch am Sonntag – seine Nuklearstreitkräfte in höchste Alarmbereitschaft versetzt hat. Das ist aber eine seiner letzten Eskalationsstufen.
Hat sich Putin verkalkuliert? Der britische Verteidigungsminister James Heappey sagt gar, die russische Invasion in der Ukraine könnte noch „Monate“ dauern. Derweil träumt Putin davon Russland in den Grenzen des Zarenreiches von 1914 wiederauferstehen zu lassen. Schauen Sie, liebe Leserin, lieber Leser auf – antiken – Landkarten nach, wer noch aller mit russischen „Friedenstruppen“ rechnen darf.

Ach was, Sanktionen. War es das?
Jetzt haben wir sie, die strengen Sanktionen, die „verheerendsten“, die „Mutter aller Sanktionen“. In Moskau spottet man darüber. Die Sanktionen könnten dem Land schaden, der Regierung eher nicht. Im Übrigen hofft die russische Regierung, dass man die Folgen der Sanktionen in angemessener Zeit bewältigen werde können. Schon seit 2014 arbeitet die russische Regierung mit einem Plan damit die russische Wirtschaft Sanktionen so gut wie möglich widerstehen kann. Putin will – übrigens mit Erfolg – die gesamte russische Wirtschaft „abhärten“. Sie gegen Sanktionen des „Westens“ immun machen. Dazu gehörte u.a. weg vom Dollar, Anhäufung riesiger Devisenreserven – in Höhe von derzeit etwa 600 Milliarden Dollar – und ein ausgeglichener Haushalt. Dazu rechnet Moskau mit steigenden Öl- und Gaspreisen. Und das Volk? Das wird zwar leiden, werde aber eben auch langfristig „abgehärtet“. Und sei dann ans Darben gewöhnt. Übrigens, ob Sanktionen dem Lebensstandard der Bevölkerung schaden, ist Herrn Putins geringste Sorge. Putin nennt das Endsiegstrategie. Wichtig ist nur, dass sich sein Regime halten kann.
Aktuell wird vermeldet, dass Putin, nachdem die „verheerenden“ Sanktionen bekannt wurden, fragte: „War´s das?“

Vergessen Sie die Oligarchen
Der „Westen“ irrt. Putin nimmt von niemandem Befehle entgegen. Weder vom eigenen, engsten politischen Team – die historische Fernsehübertragung der Tagung des – zitternden – russischen Sicherheitsrates belegt das – und schon gar nicht von reichen Russen. Gar mit Sitz in London. Fest steht, Sanktionen hatten bisher keinen Einfluss auf Putins Verhalten. Russische Oligarchen stehen Putin nahe oder auch nicht. Und einige mögen dabei helfen, sein Vermögen auf Offshore-Konten zu verstecken. Putin lässt sie unter zwei Bedingungen gewähren: Dass sie ihr Geld ausgeben, wenn er es braucht, und dass sie sich aus der Politik heraushalten. Die Idee, dass sie seine Politik beeinflussen, ist reine Fantasie.
Es gibt eine smartere Möglichkeit: Russlands herrschende Klasse. Die Mitglieder der Duma, des Senats, des Präsidialrates, die obersten Ränge der Sicherheits- und Verteidigungsdienste, die Spitzenangestellten des Staatsfernsehens. Das sind mehrere tausend Menschen. Diese, Männer – und einige Frauen, entwerfen, fördern und führen Putins Entscheidungen aus. Einige von ihnen beraten ihn – anders als die Oligarchen – auch tatsächlich.
Auch die Sicherheitsdienste spielen eine entscheidende Rolle bei der Umsetzung von Putins Vision. Das sind die wahren Ziele: Menschen, auf die Putin tatsächlich hört und angewiesen ist. Wenn die beginnen, die Konsequenzen seiner Politik in ihrem persönlichen Leben zu spüren, wird es eine Welle der Unzufriedenheit geben.
Denn diese Menschen lieben es nach Europa und in die USA zu reisen. Hier werden ihre Kinder erzogen, hier besitzen sie Immobilien. Die Mitglieder der russischen Elite, ihre Familien und Kinder, genießen das Leben auf Yachten, Skipisten und feinen Hotels im Westen. Flugverbot nach Europa. Quatsch, fliegen wir über Katar. Wenn ihnen aber die Visa für Reisen in den Westen verweigert werde wird es nicht lange dauern bis Unzufriedenheit die politische Klasse durchdringt. Die Botschaft an sie würde klar sein: Wenn Sie Ihren westlichen Lebensstil genießen wollen, brauchen Sie einen neuen Anführer.
Das probiert der Westen lieber nicht aus. Denn, wer weiß, was nachkommt? Aber Putin droht doch jetzt sogar mit Atomkrieg. Na und – war´s das?
Wie sagt der Wiener? „Guad, schau´ ma aus“: Auf Deutsch: Ach, Gottchen, sehen wir toll aus. Und Österreich bleibt cool, man. Und sendet keine FFP2-Maken mehr nach Moskau. Denn wir alle wissen, Putin hat Angst vor Corona. Sein 7 (sieben) Meter langer Tisch beweist das. Ist auch kein Trost, meint
Ihr Mario Passini.

Quellen: Daily Mirrir, European, Guardian, ukpress, NYT, Boston Globe u.e.a