Verrückte Träumer

von Mag. Christian Sec

©Adobe Stock

Europas Lethargie mündete in eine Desillusion. So könnte der 24. Februar auch diesbezüglich eine Zeitenwende sein.
Als Kinder im Park sahen wir uns als Rockstars, Profikicker oder Lokomotivführer, einer wollte Diktator werden. Keiner von uns ist jedoch das geworden, wovon er träumte, Gott sei Dank auch der Diktator nicht, der wurde Buchhalter. Vielleicht hätten wir unsere Träume als Rockstars weiterleben sollen. Aber ist es nicht besser, einen Rockstar weniger auf der Welt zu haben als einen Diktator mehr. Also bitte, was soll das mit dem Träumen? Es gehört doch zum Reifeprozess seinen Träumen zu widerstehen und mit beiden Füßen fest auf dem Boden zu stehen. Wir sind Erwachsene, die der Vernunft nachgegeben haben, auch wenn wir manchmal wehmütig aus unseren Fenstern den Kindern beim Spielen zusehen und versuchen uns daran zu erinnern, wie es war zu träumen, bevor man dafür für verrückt erklärt wurde.
Richtungsloses Europa
Verrücktsein heißt seine Träume, ohne Wenn und Aber zu verfolgen. Die Kompromisslosigkeit ist nicht jedermanns Sache. Die Konsequenz für diejenigen, die es nicht übers Herz bringen, ihrem Traum zu verfolgen ist die Gleichschaltung der Gesellschaft. Wer will schon gerne als verrückt oder gar unzurechnungsfähig gelten. So werden schlussendlich sogar die Träume gleichgeschaltet, die sich als seelenlose und austauschbare Reihenhaussiedlungen am Stadtrand manifestieren. Träume werden schlussendlich zu rationalen Zielen reduziert, die niemals über den Tellerrand gesellschaftlicher Akzeptanz reichen, bis dass die „ruhige Kugel schieben“ der einzige Antrieb bleibt, der sich vom Zustand des „Ruhe in Frieden“ kaum unterscheidet. Fast konnte man meinen, dass die EU so etwas wie ein Abbild der Visionslosigkeit seiner Bevölkerung wurde bzw. sich diesen Zustand gefährlich annäherte. Sie sah über alles hinweg, nur um ihren Zustand zu erhalten. Eine Voraussetzung einer Masse wie es die EU darstellt ist es jedoch, dass sie eine Richtung braucht. Sie muss vorwärtsdrängen, entweder in moralischer Hinsicht oder in territorialer Hinsicht. Die EU hatte keinen Traum mehr, den sie verfolgte, sie erstarrte in ihrer Kompromissbereitschaft, in der Angst ihre Masse könnte nach dem Brexit weiter abnehmen und verlor damit jegliche Richtung. Das Bewahren bedarf aber eines hohen ethischen Bewusstseins, also eines Standpunkts, der unverhandelbar ist. Dies bedarf aber auch einer Vision. Aber Visionen für Europa fehlten. Wir waren desillusionierte Europäer geworden, die Werte vor uns hertrugen, die gar keinen Wert mehr für uns hatten, weil sie in einer Zeit ohne Bedrohung fast wertlos erschienen. Wir würden nie diese Werte mit unseren Leben oder mit unserem Einkommen verteidigen müssen. Wir waren so dumpf dafür geworden, was Europa ausmacht, dass wir uns gar Spielchen erlaubten, die diese Werte zu Grabe führen hätten können. Wir spielten so unverantwortlich mit unseren Errungenschaften der Demokratie, weil uns der Sinn für die Bedrohung und des Existentiellen abhandengekommen war. Wir waren wie kleine Kinder, die mit dem Feuer spielten, nur dass wir niemanden hatten, der uns vor den Gefahren warnte. Wir wählten Jugendliche in die höchsten Stellen, deren größte Errungenschaft die Matura war. Trotzdem schämten uns, für das rückgratlose Europa, das nur seine bürokratischen Muskeln zeigte, aber als politische Instanz höchstens scheinheilig agierte. Ohne einen gemeinsamen Traum, waren wir verloren, weil die Gesellschaft nicht einmal individuelle Träume zuließ. Wir waren Desillusionierte, die nicht mehr fähig waren zu träumen.
Bewahren vs. Erobern
Wenn auf der einen Seite ein Europa ohne Traum den Status Quo bewahren wollte, und ohne Richtung dahintrieb und zu einer Masse wurde, die sich vor weiterem Wachstum verschloss, so stand auf der anderen Seite eine Macht, die erobern wollte. Sie hatte eine Richtung und gab ihr damit einen Sinn. Sie wollte wachsen. Für die Nation ist es zuallererst unbedeutend welche Richtung sie geht, wenn sie nur in Bewegung bleibt. „Wer die Sowjetunion nicht vermisst, hat kein Herz. Wer sie sich zurückwünscht, keinen Verstand“, meinte der russische Diktator. Ob Putin nun doch den Verstand verloren hat, steht dabei gar nicht zur Debatte. Es könnte ja sein, dass in seinen alten Tagen sein Herz über den Verstand gewonnen hat. Es könnte auch sein, dass Putin der große Träumer nicht davor zurückschreckt seinen Traum zu verwirklichen, auch wenn er dabei über tausende Leichen gehen sollte. Aber weil Putin kein Träumer ist und damit auch kein Verrückter, wissen wir auch, dass er nicht für seine Träume über Leichen geht, sondern weiß, was zu tun ist, um an der Macht zu bleiben. Dies bedeutet das Land in eine Richtung zu bewegen. Den Leuten eine Vision für das Land zu geben. Ökonomische Erniedrigung mit militärischen Erfolgen zu kompensieren. Ein Schiff das still steht braucht keinen Kapitän. Aber die träge desillusionierte Masse Europas wurde plötzlich dadurch aufgerüttelt. Sie erkannte plötzlich ihren Sinn in der Geschichte wieder, sie sah ihren Platz in der Welt, als Bollwerk für Menschenrechte und Demokratie und sie verteidigte erstmals in ihrer Geschichte ihre Werte, ohne Rücksicht auf ökonomische Kosten. Diese Haltung war wohl der wertvollste Beitrag in der Geschichte der Union, und könnte nach meinem Geschmack noch um einiges stärker ausfallen. Diese Haltung ist es aber auch, die Europa eine so wichtige Richtung gibt, die es wert ist anzusteuern, und die viele Menschen auch willens sind mitzugehen. Es ist ein gemeinsamer Traum, den wir für lange Zeit aus den Augen verloren haben. Denn nun wissen wir, dass es weh tun kann, für Menschenrechte und Demokratie zu kämpfen. Wir erleben, dass all diese Errungenschaften nicht selbstverständlich sind, und sie auch immer bedroht sind, wenn wir nicht darauf achten. Und wir erleben, dass sie auch einen Preis haben. Wahrscheinlich steigen die Kosten nicht nur für Strom und Gas, sondern auch für Menschenrechte und Demokratie. Denn wir haben erlebt, dass wir mutig genug waren, dafür einen Preis zu zahlen. Dies könnte auch in einigen CEE-Ländern der Anfang vom Ende semiautokratischer Strukturen sein. Und vielleicht wird der gemeinsame Traum uns auch wieder helfen unsere Kindesträume zu leben, sodass es wieder mehr Rockstars und Lokomotivführer gibt auf dieser Welt. Und das wir gemeinsam so stark sind, dass ein Sandkisten-Diktator keine Chance haben wird, seinen Traum in die Tat umzusetzen. Ich habe einmal den Buchhalter gefragt, ob er noch immer davon träumt Diktator zu werden und er meinte: „Ja natürlich, ein Diktator mit Friedensnobelpreis“. Vielleicht wäre es doch besser, wenn wir unsere Träume weiterverfolgt hätten.