Was wurde da verkauft?

von Mario Passini

Daran werden sich viele Briten noch lange erinnern: An die Brexit-Werbekampagne, bei der ein britisch-roter Autobus, der Vote-Leave-Bus, durchs Land rollte mit dem flotten Brexit-Werbe-Slogan: „Wir schicken der EU jede Woche 350 Millionen Pfund – Lasst uns stattdessen unseren NHS finanzieren.“ ( NHS = National Health Service (Nationaler Gesundheitsdienst).

Der Slogan schlug ein, die Briten stimmten am 23. Juni 2016 mehrheitlich für den Brexit und die Brexiteers, pardon die Tories, gewannen haushoch die Unterhauswahlen. Der flotte Slogan hat zu einer bitteren Enttäuschung gewandelt. Zwar wiesen aufrichtige Leute schon damals darauf hin, dass der Brexit-Slogan falsch sei, doch diese Botschaft fand nur wenige Empfänger. Inzwischen wollen die Brexiteers von ihrem Wahlslogan nichts mehr wissen und die „Vote-Leave“-Werber entfernten den Werbegag von ihrer Webseite. Nur Premier Boris Johnson bleibt dabei, er habe die Briten damals nicht belogen, denn der Spruch sei schon richtig gewesen. Falsch sei nur die Zahl, denn die 350 Millionen Pfund wöchentliche Ersparnis seien eine Untertreibung.

Heute steht fest, die Behauptung durch den Brexit werde sich Großbritannien ersparen der EU viel Geld zu überweisen, war und ist falsch. Von vielen Wirtschaftsbereichen Britanniens kommen Berichte, wonach sich der Brexit für das Land negativ auswirken wird.

Nichts ist überzeugende als Fakten, noch dazu, wenn sie auf nachvollziehbaren Zahlen basieren. Die liefert Bloomberg, ein weltbekanntes Informationsdienstleistungs-, Nachrichten- und Medienunternehmen, New York. Einer Bloomberg-Analyse zufolge entsprechen die Kosten des Brexits fast den Gesamtkosten der britischen Beiträge zur EU seit 1973. Die Bloomberg-Analyse ergibt weiters, dass die prognostizierten Kosten für den Brexit bis Ende 2020 an die 203 Mrd. GBP betragen könnten, während die Kosten für britische Beiträge zur EU von 1973 bis 2020 in etwa 215 Mrd. GBP betragen haben. Schon Anfang 2010 meldete das britische Statistikamt ONS, das Wachstum der Wirtschaft sei gesunken „auf die geringste Rate seit einem Jahrzehnt“. Trotzdem hat sich der Arbeitsmarkt positiv entwickelt. Eine Tatsache die den Brexiteers natürlich sehr gelegen kommt.

Der irische Politiker Neale Richmond twitterte: „Der Austritt aus der EU hat fast mehr gekostet als alle Beiträge, aber ohne die Vorteile.“ Die Brexiteers antworteten: „Wir sind entschlossen, das richtige Geschäft für Großbritannien zu machen, aber jetzt ist kollektives Engagement erforderlich.“ Und der offizielle Sprecher des Premierministers betonte, es sei „einfach falsch“, dass PM Johnson bereit sei, seine Position in den Handelsgesprächen zu mildern. Ian Blackford wortgewaltiger MP für Schottlands SNP in Westminster, meinte lakonisch: „Boris Johnsons hochrangigste Berater verlassen den Premierminister wie Ratten auf einem sinkenden Schiff.“