Wenn Prestige und Status zu Staub zerfallen

von Michael Kordovsky

In der Krise werden die Karten neu gemischt und in manchen Situationen werden die einst „Letzten“ plötzlich die „Ersten“ sein, während so manchem „Schickeria-King“ die Existenzberechtigung entzogen werden könnte.

In guten Zeiten können sich die Reichen und Schönen glücklich schätzen. Bei der Reservierung von Plätzen in gut gebuchten Restaurants wird ihnen häufig der Vorzug gegeben und als Privatpatienten sind sie bei den Ärzten herzlich willkommen. Hingegen weniger bezahlte Berufe, wie beispielsweise Mitarbeiter von Supermärkten werden von manchen Snobs von oben herab behandelt.

Wenn fixe Regeln über Leben und Tod bestimmen…

Doch in der Krise herrschen andere Gesetze, vor allem dann, wenn es ums nackte Überleben geht. Ein aktuelles Beispiel ist Italien, wo es in der Corona-Pandemie an Beatmungsgeräten mangelt. Wer keines bekommt, stirbt. Ärzte müssen hier die Auswahl treffen, wer überleben darf. Dieses Auswahlverfahren heißt „Triage“ und ist in Italien durch Vorgaben der fachmedizinischen Gesellschaft SIAARTI konkretisiert. Diese Vorgaben stellen maßgeblich auf die Länge der rettbaren Restlebenszeit ab, während es in Deutschland diesbezüglich keine Regeln gibt und in Österreich aufgrund der guten Verfügbarkeit von Beatmungsgeräten noch nach rein medizinischer Bedürftigkeit zugeteilt wird. Doch was passiert in einem extremen Engpass-Szenario?

Es gibt theoretisch einen utilitaristischen Ansatz, der hier bald Anwendung finden könnte, wo der Frage nachgegangen wird: Wodurch können die meisten Leben gerettet werden? Es ist so, wie wenn ein Flugzeug von Terroristen entführt ist, das sich auf Kurs zu einem Wolkenkratzer befindet. Wird das Flugzeug abgeschossen, dann sterben 200 Personen im Flugzeug, doch mehrere tausend werden gerettet. Ohne Abschuss gehen sowohl die Insassen des Flugzeugs als auch tausende Einwohner drauf. Utilitaristisch betrachtet ist somit die Entscheidung klar: Flugzeug abschießen. In Deutschland wäre jedoch so ein Vorgehen noch verfassungswidrig.

Doch kommt es zu enormer Knappheit in der Versorgung durch Intensivmedizin, dann bleiben zur Verhinderung von Willkür Entscheidungsregeln nicht aus, nach denen die Entscheidungen über den Zugang zu überlebensnotwendigen Maßnahmen getroffen werden müssen. Je detaillierter diese Regeln sind, desto besser für die Entscheidungsträger, obwohl grundsätzlich jedes Leben gleich viel wert ist. Doch will man so viele Leben wie möglich retten, dann kann beispielsweise folgenden Personen im Ernstfall der Vorrang eingeräumt werden: Allen im Gesundheitswesen tätigen Personen wie Ärzten und Pflegepersonal, da diese weitere Leben retten können, Feuerwehrleute, Polizisten, Bauern und Mitarbeiter des Lebensmitteleinzelhandels, da diese systemrelevant wären. Hinzukämen noch eine ganze Reihe anderer systemrelevanter Berufe. Danach zählen noch Alter und Überlebensaussichten.

Die Karten neue gemischt würden auch in einem Szenario einer unterbrochenen Nahrungsmittelversorgung. Dann hätten die Landbewohner gegenüber den Städtern den Vorteil eines besseren Zugangs zu Bauern als Quelle der Grundversorgung mit Nahrungsmitteln.

Aufruf zu mehr Menschlichkeit und Bescheidenheit

Langer Rede, kurzer Sinn: Die Schickeria von heute würde in extremen Krisenszenarien völlig an Bedeutung verlieren. Weder Präsenz in den „Adabei-Spalten“, noch teure Designerklamotten und private Zusatzkrankenversicherungen würden in einem regelbasierten „Triage-Szenario“ die Überlebenschancen erhöhen. Im „Hungerszenario“ hingegen braucht sich niemand aus der sogenannten „feinen Gesellschaft“ einbilden, es reiche einfach, nur mit Geldscheinen oder Golddukaten zu winken, um von den Bauern bevorzugt mit Lebensmittel versorgt zu werden. In besonders schlechten Zeiten zählen nämlich andere Werte, wie persönliche Beziehungen und auch gewissermaßen Sympathie und letzteres kann man sich mit Geld nicht einkaufen.

Somit sind freundschaftliche Netzwerke mit Personen unterschiedlicher Disziplinen in Krisenzeiten viel wertvoller als ein ganzer Tresor voll Goldbarren von denen man sich im Ernstfall ohnehin nichts herunterbeißen kann. Unter diesen Aspekten sind Menschlichkeit und Bescheidenheit in guten Zeiten gleichzeitig auch eine Krisenvorsorge, denn wie man in den Wald hineinruft, so hallt es zurück und für schlechte Zeiten, in denen man unter Umständen ohne der Hilfe anderer nicht überleben kann, sollte sich dies jeder ins Stammbuch schreiben lassen.