Wer teilt kann sich den Besitz nicht leisten

von Mag. Christian Sec

Trotz der Vorbehalte und ideologischer Verunglimpfung haben in den letzten zehn Jahren Sharing-Ökonomie-Modelle die Welt im Sturm erobert - etwa konsumieren wir Musik via Spotify.

Die Sharing-Ökonomie hat in vielen Geschäftsbereichen die Welt erobert. Ob in Musik, im Transport oder bei Unterkünften, das Teilen ist en Vogue. Jedoch steht das Besitzen noch immer hoch im Kurs.
Die Sharing-Ökonomie steckt in Österreich immer noch in den Kinderschuhen, verkündete Christine Matzka, Autorin einer Studie im Auftrag der Helvetia, über den Besitz in Österreich. Ein Grund für den sehr langsamen Anstieg der Sharing-Ökonomie liegt in der Einstellung der Österreicher zum Teilen, die in der Annahme gipfelt: „Wer teilt, kann sich den Besitz nicht leisten“, erklärt Matzka. Damit greift sie in eine noch lange nicht geschlossene Wunde der Zivilisation, die vor sich hin sickert, wie das Blutwunder von Neapel. Dabei sollten wir einen Blick zurück in die menschliche Vergangenheit werfen, um einen möglichen Erklärungsversuch zu wagen, warum wir den Besitz trotz seiner großen Last für den Klimawandel noch immer so hochhalten und dafür sogar in Erbschaftsangelegenheiten, für ein kleines Stück Land die Beziehungen zu unseren nahen Verwandten opfern würden.

Der Dämon des Besitzes

Wenn wir der Wissenschaft Glauben schenken wollen, hat die Menschheit zum größten Teil ihrer Geschichte nicht versucht Besitztümer anzuhäufen, dies erfolgte erst spät in unserer Entwicklungsgeschichte. Rousseau beschrieb diesen verhängnisvollen Übergang in der Geschichte trefflich: „Der Erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: „Das ist mein“ und so einfältige Leute fand, die das glaubten, wurde zum wahren Gründer der bürgerlichen Gesellschaft“. Für Rousseau war dies der Ursprung allen Übels. „Der Dämon des Besitzes verpestet alles, was er berührt“. Noch viele Jahrzehnte danach kam Karl Marx zu einem ähnlichen Ergebnis wie Rousseau: „Die Wurzel allen Übels sind Privatbesitz und Geld“. Mit dem Besitz kam, nach Rousseau die Ungleichheit, die die Quelle des menschlichen Unglücks darstellte. Aber wie es nun mal in einer Welt voll bipolarer Störungen so ist, wurde der Besitz nicht nur Quelle des Unglücks, sondern auf der anderen Seite auch die Quelle menschlichen Glücks. Vermögen brachte Anerkennung vielmehr als es Tugend oder Leistung taten, was den Menschen von einem empathischen, zu einem egoistischen Wesen verwandelte, wie Rousseau es beschrieb. Tatsächlich trugen im Mittelalter und der Neuzeit die Bauern die Hauptlast zur Aufrechterhaltung der Feudalgesellschaften, während Fürsten, Adel, Beamte, Patrizier und der Klerus von deren Arbeitskraft lebten. Schlechtes Gewissen kannten die Besitzenden nicht, denn das Schicksal hatte ihnen ihren rechtmäßigen Platz eingeräumt. Daher waren List, Betrug und Diebstahl als Mittel zum Zweck zur Anhäufung von Besitz, mit mehr Ansehen verbunden als die Arbeit am Feld. Heerscharen von Hochmütigen, definierten den Wert einer Person und daher sich selbst durch Besitz. Demut und Respekt empfanden sie nur demjenigen gegenüber, der mehr besaß und damit auch mächtiger war. Die protestantische Ethik trug weiter zum Mythos des Besitzes bei. Calvins Prädestinationslehre, sprach von zwei Gruppen: Die Erwählten und die Verdammten. Auch wenn die Gnadenwahl, laut den Calvinisten ein Geheimnis Gottes sei, so drückt sie sich im Diesseits durch Erfolg aus, der sich im Besitz widerspiegelte. Gerade in den USA entfalteten sich die calvinistischen Strömungen und sind bis heute das Bindemittel ihrer Gesellschaft und gleichzeitig auch ihr tiefster Graben.

Die zwei Kräfte

Im Calvinismus geht es darum, zu den Auserwählten gehören, um seine Würde zu behalten. Damit wird jedoch Tür und Tor geöffnet für eine Scheinwelt, in der jeder versucht, den Besitz als Symbol zum ewigen Glück auf Pump zu erkaufen. Noch immer steigt die Privatverschuldung in Relation zum Nettoeinkommen in Österreich kontinuierlich. 29% der Österreicher gaben 2020 an, einen Konsumkredit aufgenommen zu haben, zwei Jahre zuvor waren dies sieben Prozent weniger. „Wer teilt kann sich den Besitz eben nicht leisten“, so die Erzählung und daher bleibt der Privatkredit ein Instrument der Erlösung. Damit leiht man sich Selbst- und Fremdwert. Und trotzdem das zarte Pflänzchen der Share-Ökonomie lässt sich nicht mehr aufhalten, auch wenn dies bislang nur für vier Prozent der Österreicher ein gangbarer Weg ist. Trotz der Vorbehalte und ideologischer Verunglimpfung haben in den letzten zehn Jahren Sharing-Ökonomie-Modelle die Welt im Sturm erobert. Wir konsumieren Musik via Spotify, wir fahren mit Uber anstatt mit dem Taxi und wir mieten eine Airbnb-Wohnung für unseren nächsten Städtertrip. All diesen Plattformen liegt der Gedanke des Teilens zugrunde. Und dass man mit dem Teilen nicht nur idealistische Weltverbesserung betreiben kann, sondern auch richtig Zaster verdienen kann beweist der Umstand, dass zwischen 2005 und 2019 die Share-Ökonomie weltweit um den Faktor 100 angewachsen ist. „Wer teilt, kann sich den Besitz nicht leisten“, heißt es derzeit noch, aber vielleicht wird sich bald eine neue Einstellung durchsetzen: „Wer besitzt, ohne zu teilen, wird drauf sitzen bleiben“.