Wie nachhaltig sind Finanzprodukte wirklich?

von Andreas Dolezal

Seit 10. März 2021 müssen die Bestimmungen der Offenlegungsverordnung angewendet werden. Seitdem fluten Produktanbieter den Markt mit grünen und dunkelgrünen Finanzprodukten gemäß Artikel 8 oder Artikel 9 der Offenlegungsverordnung. Wie nachhaltig, ökologisch und sozial investieren solche Finanzprodukte wirklich? Wie viel Greenwashing versteckt sich in ihnen?

Finanzprodukte gemäß Artikel 8 oder Artikel 9 der Offenlegungsverordnung sind nicht per se nachhaltig, ökologisch oder sozial. Die Kennzeichnung alleine trifft keine Aussage darüber, in welchem Ausmaß tatsächlich nachhaltig investiert wird. Die beiden Artikel verpflichten Produktanbieter, wenn sie ökologische oder soziale Merkmale bewerben (Artikel 8) bzw. nachhaltige Investitionen anstreben (Artikel 9), lediglich, Informationen dazu offenzulegen. Wie grün oder dunkelgrün ein Finanzprodukt ist, ergibt sich alleine aus dem Attribut „Artikel 8“ oder „Artikel 9“ nicht.

Erst die parallel zur Offenlegungsverordnung geltenden Taxonomie-Verordnung bringt mehr Licht in den Anteil an nachhaltigen Investitionen. Werden im Finanzprodukt nachhaltige Investitionen getätigt oder mit dem Finanzprodukt ökologische Merkmale beworben, muss der Produkthersteller den Prozentsatz, also den Anteil dieser Investitionen am Gesamtportfolio, angeben. Einen Mindestprozentsatz schreibt die Taxonomie-Verordnung allerdings nicht vor.

Schon ein Prozent macht Finanzprodukte grün

Selbst wenn der Anteil an nachhaltig orientierten Investitionen nur ein Prozent beträgt, könnte sich ein Finanzprodukt grundsätzlich mit der Kennzeichnung „Artikel 8“ oder „Artikel 9“ schmücken. Besonders grün oder dunkelgrün ist es dann nicht, aber gemäß den gesetzlichen Bestimmungen würde das ausreichen. Die Taxonomie-Verordnung fordert lediglich eine zusätzliche Erklärung, nämlich dass die EU-Kriterien für ökologisch nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten nur bei diesen „grünen“ Investitionen berücksichtigt werden und der verbleibende Teil der Investitionen die EU-Kriterien nicht berücksichtigt.

Wird damit Greenwashing eventuell Vorschub geleistet? Ja und nein. Einerseits legt Erwägungsgrund 11 der Taxonomie-Verordnung Greenwashing als jene Praxis fest, sich einen unlauteren Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, indem ein Finanzprodukt als umweltfreundlich vermarktet wird, obwohl in Wirklichkeit grundlegende Umweltstandards nicht eingehalten wurden. Andererseits erfüllt das nur zu einem Prozentpunkt „grüne“ Finanzprodukt die gesetzlichen Bestimmungen.

Grenzwertig bleibt ein verschwindend geringer Anteil an nachhaltigen Investitionen auch im Hinblick auf das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb. Denn dieses definiert eine Geschäftspraktik unter anderem dann als irreführend, wenn sie geeignet ist, einen Marktteilnehmer (Anleger) über wesentliche (ökologische) Merkmale eines (Finanz-)Produktes derart zu täuschen, dass dieser dazu veranlasst wird, eine geschäftliche Entscheidung zu treffen, die er andernfalls nicht getroffen hätte. Sich als nachhaltig, ökologisch oder sozial auszugeben, obwohl man nur zu einem verschwindend geringen Anteil ist, verstößt also eher gegen das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb als gegen Offenlegungs- und Taxonomie-Verordnung.

Aufsichtsbehörden machen mobil

Als eine der ersten nationalen Aufsichtsbehörden beschäftigt sich die deutsche Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht mit dem Aspekt des Greenwashings. Um zu verhindern, dass Finanzprodukte als ökologisch und sozial investierend ausgegeben werden, ohne dabei tatsächlich einen nennenswerten Anteil an nachhaltigen Investitionen zu tätigen, mehr dazu lesen Sie in der Oktober Ausgabe von risControl Print.