Wozu die Aufregung?

von Mario Passini

©Leigh Prather/Adobe Stock

„Aber, aber, meine Herrschaften, das bisserl Regen,“ mit einschmeichelnder Stimme versucht Peter Alexander als Oberkellner Leopold aufgeregte Gäste zu beruhigen. Nicht einschmeichelnd, sondern entschieden kurz meint ein weiser Virologe im Fernsehen, er verstehe die Aufregung um einen Impfstoff nicht, nur wegen ein paar Nebenwirkungen.

Als die Pandemie einschlug, war unser jugendlicher Bundeskanzler souverän Herr der Lage. Er hat nichts falsch gemacht. Wozu man fairerweise hinzufügen muss, es gab keine alternative Handlungsmöglichkeit. Doch jetzt, ein Jahr danach scheint unser Kanzler seine Contenance zu verlieren. Er richtet sich gegen die eigene Beamtenschaft und schimpft in Richtung Europa. Und neuerdings erscheint unser Kanzler bei Pressekonferenzen mit hellblau eingespiegelter Hose. Ob das eine Message ist?

Und auch da war unser jugendlicher Kanzler dabei: Die Staatsführer von zwei der mächtigsten Staaten der Europäischen Union, Österreich und Dänemark, begaben sich nach Israel, um mit dem dortigen Regierungschef ein Bündnis gegen das Virus zu schmieden. Man gründete eine mächtige, furchtbare Waffe – eine Stiftung.

Die Brexiteers in London klatschten sich vor Heiterkeit auf die Schenkel. In diesen schweren Zeiten gibt es ja wirklich nur wenige Anlässe wegen derer man hellauf lachen kann. Und die britische Regierungspresse schickte hinterlistig eine Kondolenzmeldung hinterher mit dem Titel: „Die EU zerbröselt am Virus.“

Zurück zum weisen Virologen. Als Aufregung und Ungewissheit wegen Nachwirkungen eines Impfstoffes immer stärker wurden, es gar einen Todesfall gab, lud das Fernsehen den erwähnten Experten ein, er möge der Zuseherschaft die Zusammenhänge erklären. Der weise Mann, er vertritt die Regierungslinie, andere kommen im Fernsehen ohnedies nicht vor, erklärte, dass der in Rede stehende Impfstoff zu Unrecht ins Gerede gekommen sei. Die Vakzine sei gut und brauchbar. Forscher seien dabei alles über den Impfstoff auszukundschaften. Aber, oho! Wozu forschen Forscher? Um etwas (über einen Forschungsgegenstand) in Erfahrung zu bringen. Erkenntnis: Sie wissen es (noch) nicht. Wüsste man´s bräuchte man ja nicht forschen. Und überhaupt die Aufregung wegen eines Todesfalles, das müsse man anders sehen, meinte der gelehrte Herr, denn: es sei `State oft the art`, dass bei Massenimpfungen bis zu drei Prozent mehr oder weniger schwere Nebenwirkungen auftreten. Das aber müsse man so sehen, andererseits werde Millionen geholfen, werden Millionen gerettet. Und der eine oder andere Todesfall? Mein Gott, das ist zutiefst bedauerlich. Aber man möge bedenken, wie viele ungeimpft sterben. So gesehen sei es nicht ausschlaggebend, ob man am Virus allein oder an einer Impfung stirbt. Man stirbt nur einmal. Also, wozu die Aufregung? Ein Philanthroph. Nicht zu verwechseln mit einem Misanthropen.