Die Pflicht zur Beurteilung…

Mag. Hannes Dolzer
Mag. Hannes Dolzer

… der Finanzstärke von Versicherungsunternehmen! Ein unterschätztes Risiko?

Hannes Dolzer ist Obmann des Fachverbandes Finanzdienstleister und seit 1999 als Gewerblicher Vermögensberater und Versicherungsmakler tätig. Hannes Dolzer ist gerichtlich beeideter Sachverständiger für Vermögensberatung und Lebensversicherung und ist Universitätslektor am Institut für Unternehmensführung an der Karl-Franzens-Universität Graz
Das Maklergesetz sieht im § 28 Z 2 die „Beurteilung der Solvenz des Versicherers im Rahmen der zugänglichen fachlichen Informationen, soweit dies bei der Auswahl des Versicherers zur sorgfältigen Wahrung der Interessen des Versicherungskunden im Einzelfall notwendig ist“ vor.
Laut Prof. Mag. Erwin Gisch, MBA akad. BO, Geschäftsführer des Fachverbandes der Versicherungsmakler, wird diese Pflicht etwas durch die Erläuterungen zum Gesetz abgeschwächt, nämlich insofern, als die in der Form Versicherungsmakler tätigen Versicherungsvermittler davon ausgehen können, dass die Solvenz von Versicherern mit Sitz in der EU „passt“, es sei denn, ihnen müssten Hinweise bekannt sein, welche die Zahlungsfähigkeit des Versicherers zweifelhaft erscheinen lassen.“
Das ist der gute Teil der Nachricht. Den weniger guten Teil der Nachricht hat der Belgier Andre van Varenberg, Vorsitzender des BIPAR[1] Brokers Committee, jüngst bei einer BIPAR-Tagung in Paris überbracht. Van Varenberg hat aus verschiedenen Studien der Europäischen Union zitiert und festgehalten, dass auch Versicherer in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten geraten sind. Im Sinne des EIOPA Reports „Failures and near misses in insurance“ fallen auch Versicherer in die Kategorie „gefährdet“, die nicht insolvent wurden, aber bei denen die Aufsichtsbehörden intervenieren mussten, um eine sich womöglich anbahnende Zahlungsunfähigkeit zu vermeiden, – zum Beispiel, weil die Solvenzanforderungen nicht erfüllt wurden.[2]
Die fünf größten Risiken für (drohende) Insolvenz – aufgeteilt in die Bereiche Lebens- und Nicht-Lebensversicherer –  sind in folgender Tabelle zusammengefasst:[3]

  Life Non-life
Top 5 primary causes of failures and near misses for EU life and non-life undertakings
1 Managment & staff competence risk Technical provisions – evaluation risk
2 Investment / Asset-liability managment risk Internal Governance & control risk
3 Market risk Managment & staff competence risk
4 Technical provisions – evaluation risk Underwriting risk
5 Economic cycle / condition risk Accounting risk
Grundsätzlich scheint es europaweit unter den Vermittlern noch kein ausgeprägtes Bewusstsein für das Risiko von Insolvenzen von Versicherern zu geben. So hat laut Peter Hughes, Managing Director von Litmus Analyses, eine Untersuchung ergeben, dass zwar die englische Interessensvertretung BIBA (british insurance brokers association) auf ihrer Website mit der Finanzkompetenz der Vermittler wirbt, die Vermittler jedoch zu mehr als 60 % die Verantwortung für die Überprüfung der Finanzstärke von Versicherungsunternehmen verdrängen und sich auf die Aufsichtsbehörden oder Entschädigungseinrichtungen verlassen.
Die Ergebnisse zahlreicher Studien wurden nun zum Anlass genommen, um im Rahmen eines BIPAR-Meetings Ende Jänner 2019 zu besprechen, wie Vermittler möglichst einfach und realistisch die Solvenz von Versicherern beurteilen können. Basis für die Diskussion waren ein Referat von Peter Hughes und ein von Litmus Analyses erstelltes Arbeitspapier.[4] Im Folgenden werden die wichtigsten Ergebnisse in praxisnaher Form zusammengefasst.
Bei der Beurteilung der Finanzstärke von Versicherungsunternehmen sollen Versicherungsvermittler grundsätzlich folgende Punkte beachten: (1) Was ist in Bezug auf Versicherer, die geratet sind, zu bedenken? (2) Was ist bei der Beurteilung der Finanzstärke von nicht-gerateten Versicherern zu beachten? (3) Wie kann unternehmensintern die Überwachung der Solvenz von Versicherern organisiert werden?

Versicherer mit Rating:

Hier ist es wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, dass auch das beste Rating keine Garantie dafür ist, dass Versicherer nicht insolvent werden. Eine Untersuchung zeigt, dass Versicherer, die für eine Dauer von zwei  Jahren eine Wahrscheinlichkeit einer Zahlungsunfähigkeit von 0,09 % aufweisen (also A+ Rating) auf fünf Jahre gesehen, eine Ausfallswahrscheinlichkeit von 0,45 % haben, also gleich viel wie ein Unternehmen mit einem Rating von BBB auf zwei Jahre.[5] Daher ist eine regelmäßige Aktualisierung der Rating-Kennzahlen sinnvoll. Rating bedeutet zudem, dass auf Basis von vergangenheitsbezogenen quantitativen Daten (messbare Zahlen) und qualitativen Daten (Informationen, die nicht in Zahlen messbar sind – soft facts) eingeschätzt wird, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachgekommen werden kann. Ratings sind aber keine Fakten, sondern spiegeln (persönliche) Meinungen über die zukünftige Entwicklung von Unternehmen wider. Dies sollte Kunden auch so kommuniziert werden. Es soll auch nicht nur die aktuelle Rating-Kennzahl, sondern auch die zukünftige Entwicklung („Ausblick“) berücksichtigt werden. Selbstverständlich klingt in diesem Zusammenhang der Hinweis, dass das Rating des Unternehmens, das beurteilt werden soll, heranzuziehen ist. Aussagen wie „Wir sind die Tochter von xy und dieses Unternehmen hat ein AAA-Rating“ sind also in der Praxis unbrauchbar – siehe Fall CBL Insurance Ltd.

Versicherer ohne Rating:

Hier könnten gesetzlich vorgeschriebene Kennzahlen (siehe Solvency and Financial Condition Reports der Versicherer) zur Beurteilung des Risikos herangezogen werden. Nur der Umstand alleine, dass ein Versicherer unter die einschlägigen Regulatorien fällt, und von Aufsichtsbehörden überwacht wird und Kennzahlen zur Verfügung stellen muss, bedeutet aber noch kein grünes Licht für eine uneingeschränkte Zusammenarbeit.[6]
Kennzahlen, wie zum Beispiel das „Mindestkapitalerfordernis-Verhältnis“ (Minimum Capital Requirement Ratio), sind ein guter erster Anhaltspunkt. Aber auch nicht mehr. Sie geben – wie Rating-Kennzahlen – nicht die uneingeschränkte Wahrheit wieder. Spannend ist in diesem Zusammenhang die Frage, wie damit umzugehen ist, wenn sich die Zahlen negativ ändern. Was passiert beispielsweise, wenn die o. a. Ratio von 120 % auf 105 % fällt. Wo ist die unternehmensinterne Grenze? Was passiert, wenn so eine Grenze unterschritten wird? Werden dann Produkte von diesem Versicherer nicht mehr vermittelt? Werden bestehende Verträge umgedeckt? Oder macht man sich zuerst mal ein umfassenderes Bild? Der Umgang mit solchen Situationen sollte nach Möglichkeit (einmal vorab) schriftlich festgehalten werden, um gegebenenfalls beweisen zu können, dass man sich des Themas angenommen und seine Pflichten erfüllt hat.
Daten zur Beurteilung der Zahlungsfähigkeit von Versicherern können auch von Kreditauskunfteien eingeholt werden. Diese können gut zu einer adäquaten Einschätzung der finanziellen Situation der Versicherer beitragen, indem sie das Bild abrunden.

Wie kann unternehmensintern die Überwachung der Solvenz von Versicherern sichergestellt werden?

Die erste Idee, eine Person im Unternehmen ausschließlich mit dieser Aufgabe zu beschäftigen, wird am österreichischen Vermittlermarkt (60 bis 70 % Ein-Personen-Unternehmen) nicht umsetzbar sein.
Eventuell gibt es aber eine Person im Unternehmensumfeld, die eine gewisse Expertise im Lesen und Verstehen von Bilanzen hat, oder man nimmt die Dienste eines Wirtschaftsprüfers oder Steuerberaters in Anspruch. Beides kann jedoch zu hohen Kosten führen.
So gesehen ist es am günstigsten und praktikabelsten, auf bestehende Daten(-interpretationen) zurückzugreifen.
Daher reduzieren sich die Mindestaktivitäten auf die Folgenden:

  1. Es wird festgelegt, wie unternehmensintern die Überwachung der Solvenz der Versicherer erfolgt (Was wird herangezogen: Ratings, Solvency and Financial Condition Reports o. ä.? Wie oft wird überprüft, was bei Sonderereignissen passiert?).
  2. Wie wird mit bestimmten Kennzahlen umgegangen und was passiert bei welchen Änderungen (zum Beispiel Rating sinkt von A+ auf BBB)?

Wenn diese beiden Maßnahmen umgesetzt werden, sollte ein Versicherungsvermittler auf der „sicheren Seite“ sein.
Das Thema scheint (noch) nicht aktuell zu sein. Folgt man aber den Ausführungen von Prof. Karel van Hulle (langjähriger Generaldirektor „Internal Market and Services“ in der europäischen Kommission) in Paris im Jänner 2019, so wird auf die Vermittler in diesem Bereich mehr Verantwortung zukommen. Sie werden „die Solvency and Financial Condition Reports zukünftig nicht inhaltlich prüfen, aber lesen und verstehen müssen, um so das Kundenvertrauen zu stärken“.
Es wird also in den nächsten Jahren noch eine weitere administrative Aufgabe hinzukommen. Je früher die Vorbereitungen (ohne Zeitdruck) getroffen werden, desto einfacher wird die Umsetzung. Mit schon der ersten o. a. Maßnahme ist ein großer Schritt getan – ohne überbordenden Zeitaufwand.


[1] BIPAR ist eine europäische Interessensvertretung für Finanzdienstleister, Versicherungsmakler und Versicherungsagenten mit Sitz in Brüssel. BIPAR vertritt die Interessen von 52 nationalen Interessensvertretung aus 30 verschiedenen Staaten. Die Fachverbände der Finanzdienstleister und Versicherungsmakler sind seit vielen Jahren Mitglied bei BIPAR
[2] Vgl. :Failures and near misses in insurance, S. 10, EIOPA 2018
[3] Vgl. :Failures and near misses in insurance, S. 4, EIOPA 2018
[4] BIPAR Brokers Meeting 31 January 2019, Paris, Litmus Analyses Reference articles
[5] BIPAR Brokers Meeting 31 January 2019, Paris, Litmus Analyses Reference articles, S. 5
[6] BIPAR Brokers Meeting 31 January 2019, Paris, Litmus Analyses Reference articles, S. 3