Gefahr durch Wörter

von Mag. Christian Sec

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Für den gegenwärtigen US-Präsidenten sind alle Medien, die kritisch über ihn berichten Fake-News. Aber Fake-News sind nicht nur Ansichtssache, sondern in Zeiten von Social Media ein Mittel geworden, welches unsere Demokratie bedroht, wie MIT-Forscher anlässlich einer MIT-Konferenz in Wien erklärten.
Moderne Geldräuber sind heute Hacker mit einer journalistischen Zusatzausbildung, wie folgendes Beispiel zeigt. 2013 hackten besonders perfide Kriminelle den Twitter Account der US-Presseagentur und setzten den Tweet: „Two Explosions in the White House and Barack Obama is injured”. Die Fake-News wurde viral und binnen fünf Minuten 4000-mal geteilt. Trade-Algorithmen, die unter anderem auch auf die Stimmung in den sozialen Netzwerken wie Twitter reagieren, verursachten innerhalb eines Tages einen Wertverlust an den Börsen von rund 140 Milliarden US-Dollar. 24 Stunden später war der Spuk verflogen. Wieviel Geld die Hacker durch den antizipierten Kurseinbruch verdienten ist nicht überliefert. Fake-News gibt es aber nicht erst seit der Erfindung des Internets. Schon das Harpers Magazin titelte in den 1920er Jahren „Fake-News-First“. Aber wir können noch weiter zurückgehen in der Zeit: Im dreißigjährigen Krieg, der vor 400 Jahren in Europa tobte, wurde mit Falschnachrichten Stimmung gemacht. Damals verbreiteten Katholiken und Protestanten Flugblätter im ganzen deutschsprachigen Raum und schürten gegenseitig Hass, indem sie die andere Seite für Verbrechen an der Menschlichkeit verantwortlich machten. Wer jedoch meint, dass wir heute klüger und kritischer gegenüber Medien sind der irrt, wie der Medienbias in den USA zeigt. Aber auch wenn wir es schaffen Fox-News mit der rechten und der linken Gehirnhälfte kritisch zu beurteilen, macht es heute die Flut von Nachrichten aus verschiedensten Quellen unmöglich diese nach ihrem Wahrheitsgehalt zu verifizieren. „Unwahre Nachrichten haben durch das Internet solch eine Verbreitung gefunden, dass sie Einfluss auf unsere Demokratie haben“, erklärt Sinan Aral, Professor für Management am MIT. Eine Oxford-Studie belegt, dass ein Drittel aller Informationen zur Wahl in Schweden Fake-News waren. 126 Millionen Menschen wurden durch die russische Missinformationskampagne auf Facebook oder Twitter während des US-Wahlkampfes erreicht. Aber dies ist noch lange nicht alles. „Fake-News können auch töten, wie die rassistische Propaganda in Burma oder Indien zeigt“, erklärt Aral das unheimliche Risikopotential dieses Instruments.

Fake News verbreiten sich schneller

Was dabei erschreckend hinzukommt ist, dass sich Fake-News um durchschnittlich 70 Prozent stärker verbreiten als wahre Nachrichten, wie eine MIT-Studie zeigt, die alle Twitter-Nachrichten zwischen 2006 und 2017 analysierte. Die Begründung dafür, so Aral, liegt im höheren Neuigkeits- und Überraschungsgrad solcher Nachrichten gegenüber wahren Nachrichten, die oft antizipierbar und unspektakulärer sind. Zwei Eigenheiten unserer Natur sind für die virale Verbreitung solcher Nachrichten verantwortlich: Erstens sind wir evolutionsbiologisch programmiert neue kritische Informationen verarbeiten zu müssen, um unser Überleben zu sichern, zweitens zeigen soziologische Studien, dass wir als Besitzer brandneuer Nachrichten an Status gewinnen. Frank Schweitzer, Professor für Systemgestaltung an der ETH Zürich ergänzt dazu. „Wir sind neugierige Kreaturen und wir interessieren uns für das Außergewöhnliche“. Die schlechte Nachricht: „Es wird noch viel schlechter werden“, prophezeit Aral. Der Grund dafür sind synthetische Medien, die falsche Video- und Audionachrichten übermitteln werden, und von echten nicht mehr zu unterscheiden sind. Dabei wird die künstliche Intelligenz eine entscheidende Rolle spielen. Ein Generator kreiert wahre und falsche Nachrichten, während ein Diskriminator sie als wahr und falsch erkennt. Dabei wird der Generator lernen immer besseren Content zu gestalten, um den Diskriminator schließlich immer häufiger zu täuschen. Aral zeigt ein Video in dem Barack Obama über Donald Trump lästert. Ein Fake-Video, jedoch äußerst echt in Audio und Videoqualität. Es ist also auch in dieser Technologie nur eine Frage der Zeit bis wir uns davon täuschen lassen.
Studien
Die Ereignisse rund um die Einmischung Russlands in den US-Wahlkampf hat die MIT-Forscher dazu bewogen zu analysieren, wie stark unsere Meinungen sowie unser Verhalten von den sozialen Medien beeinflusst wird. Dafür haben die Forscher das Kaufverhalten von 40 Millionen WeChat-Usern analysiert und deren Reaktion auf Werbeeinschaltungen einmal ohne Kommentare und einmal mit Kommentaren aus dem sozialen Netzwerk, verglichen. Es zeigte sich, dass durch die Einblendung der sozialen Information, die Effektivität der Werbeeinschaltung um bis zu 270 Prozent bei einigen Marken erhöht werden konnte. Zwar war die Variabilität der Effektivitätssteigerung zwischen den einzelnen Marken sehr hoch, der Effekt jedoch immer derselbe (z.B. 21% Steigerung bei Walt Disney, 270% bei Heineken). Ein anderer Teil der Studie zeigte, dass das Wetter einen schwächeren Einfluss auf das Laufverhalten von Hobbyläufern hat, als das Laufverhalten der Freunde in den sozialen Netzwerken. Wenn Hobbyläufer aus New York wegen starken Regens daheimbleiben, so ist die Wahrscheinlichkeit auch viel größer, dass die mit ihnen über soziale Netzwerke verbundenen Läufer im sonnigen Texas an dem Tag nicht laufen. Aral resümiert: „Die Information, die wir durch Social Media erhalten, beeinflussen welche Produkte wir kaufen, wie oft wir trainieren, wen wir wählen“.

Wir verlieren die Kontrolle

„ Bis in die 1950er-Jahre galt das Prinzip: Wer den einen Broadcaster kontrolliert, kontrolliert auch die Nachrichten“, erklärt Shermin Voshmgir, Professorin für Kryptoökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien. Das Internet ist jedoch ist dezentral, die Zensur aber noch immer vorsintflutlich und zentral gesteuert, beschreibt Voshmgir das Dilemma. Facebook-Mitarbeiter auf den Philippinen sind beispielsweise dazu aufgefordert alle Einträge auf Facebook zu prüfen und diese binnen Sekundenbruchteile zu bewerten. Das große Problem der Skalierbarkeit der Intervention zeigte sich dabei beim Christchurch-Attentat. Bis Facebook informiert wurde, gab es schon 300.000 Uploads, resümiert Aral. „Wir verlieren die Kontrolle“, so Voshmgir. „Wir haben bis jetzt noch nicht die dezentrale Version eines Editors gefunden, der die Aufgabe übernimmt und Fake-News identifiziert. Ich beneide Mark Zuckerberg nicht, weil wir für die Nachrichtenkontrolle noch keine wirkungsvollen Werkzeuge haben“. Um der Fake-News Invasion beizukommen könnten neue dezentrale Technologien zum Einsatz kommen. Eine Möglichkeit für das Problem den Ursprung einer Nachricht zu identifizieren und einer Nachricht zu vertrauen, könnte mit der Blockchain-Technologie gelöst werden. Ob die Nachricht vertrauenswürdig ist, wäre dann noch immer eine individuelle Entscheidung, aber Blockchain würde für Transparenz des Datenpfads sorgen, so Voshmgir. „Niemand braucht Blockchain, solange wir dem althergebrachten System vertrauen“, meint Ethan Zuckerman, Professor für Medien am MIT und er erklärt auch warum: Eine einzige Bitcoin-Transaktion, die auf Basis der Blockchain-Technologie abgewickelt wird, verbraucht ungefähr so viel Energie wie eine Autofahrt von Wien nach London. Die Energie, die jährlich verbraucht wird um Bitcoins zu schürfen ist ungefähr so hoch wie der Energieverbrauch von Staaten wie Rumänien oder Usbekistan. Auch die Geschwindigkeit der Bitcoin-Transaktionen ist mit 4,8 Transaktionen pro Sekunde gering im Vergleich zu herkömmlichen Zahlungsweisen, wie z.B. Visa mit 1.700 Transaktionen pro Sekunde. „Visa ist billig und effizient, weil wir dem Kreditkartenunternehmen vertrauen“, konkludiert Zuckermann. „Das teure an Bitcoin, ist der Konsens, der in der gesamten Bitcoin-Gemeinde eingeholt werden muss, um eine Transaktion durchzuführen. Kein Wunder also, dass die Kryptocurrency-Revolution 2008 lanciert wurde, als das etablierte Geldsystem eine riesige Vertrauenskrise erfuhr“. Der mediale Vertrauensverlust könnte also wieder eine Welle an technologischen Innovationen hervorbringen.