Wie viel IT braucht der Versicherungsvertrieb?

aus risControl Print 02/2019

Niemand ist unverzichtbar, egal ob es um digitale Anwendungen, automatische Prozessabläufe oder persönliche Betreuung geht. Es stellt sich die Frage, was die Kunden vom Makler der Zukunft erwarten. Top Ausbildung, schnelle Bearbeitung der Kundenanliegen, Zugriff auf Spezialisten im Schadensfall und bei Fragen das sind die Zukunftsaspekte der Branche. Abläufe müssen automatisiert werden, denn es ist im Interesse des Versicherungsmaklers, Daten nicht mehrfach eingeben zu müssen, oder Dienstleistungen über direkte Schnittstellen vom Versicherer abzurufen, um diese in das eigene Bestandsverwaltungssystem einzuspielen. Das funktioniert heute schon mäßig, ist aber für die Zukunft zu wenig, außerdem könnte sicherlich vieles besser funktionieren. Der Vertrieb ändert sich, wird schneller und der Versicherungsmakler muss digital und persönlich näher am Kunden sein. Man darf nicht vergessen, dass nur maximal 18 Prozent der Bevölkerung in Europa und der EU mit reinen digitalen Versicherungslösungen zufrieden sind. Das Wort Simple Insurance wird vom Schlagwort zur Realität. So bietet das Fintech-Unternehmen Revolut, ein in London ansässiges und auf Geldtransfer spezialisiertes Start-up, eine Kooperation mit simplesurance und Allianz Worldwide Partner für eine Handyversicherung mittels APP an. In nur 30 Sekunden erhält man eine Handyversicherung, auch wenn man diese nur für einige Tage braucht. Das ist aber nur ein Beispiel für derzeitige und zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten. Alle versicherungsrelevanten Daten vom Abschluss bis hin zu Erstellung des Zertifikates für die Schadensabwicklung und dem Reparaturprozess sind dabei, vollkommen automatisiert zu werden. Aber auch das Unternehmen Quantemplate, das unter anderem den Allianz-Konzern als Investor hat, analysiert Versicherungsdaten in Sekunden, gleicht diese mit anderen Datenbanken ab und erstellt bedarfsorientierte Aquisitionstools für die Versicherungswirtschaft. Das nennt man Lerndatenintegrationsautomatik, eine Datenbank für unseren Wirtschaftszweig, die sich selbstständig aktualisiert, um noch besser die Bedürfnisse der Kunden zu erkennen. So gibt es unzählige Start-ups, die sich an potenzielle Versicherungskunden und damit auch an Kunden der Versicherungsmakler wenden. Selbst der Technikkonzern Apple hat nun in England damit begonnen, eine App auf den Markt zu bringen, welche mit vorhandenen Daten und mithilfe von Messungen gesundheitsfördernder Aktivitäten die Krankenversicherungsprämien beeinflussen soll. In Amerika ist es bereits möglich, sich den Kauf einer Apple Watch vom Krankenversicherer finanzieren zu lassen. Als Gegenleistung erhält man bei mehr als 10.000 Schritten am Tag eine Gutschrift in Höhe von 4 Dollar. Wer aber schon eine Apple Watch besitzt, kann das System ebenfalls nützen und bekommt fürs „Laufen“ finanzielle Anreize. Man muss aber gar nicht so weit über den Großen Teich blicken, denn die AOK Nord Ost (Deutschland) bezuschusst den Kauf einer Apple Watch sowie der dazugehörigen App. Hier meldet jedoch das Bundesversicherungsamt in Deutschland erste datenschutzrechtliche Bedenken. Nun gibt es also schon viele Start-ups, Fintechs und IT-Konzerne mit Wissen darüber, wie man Konsumenten begeistert und sich dadurch deren Daten zunutze machen kann. Muss sich der Versicherungsvermittler deswegen fürchten? Nein, ganz im Gegenteil, denn diese Bewegungen können perfekt genutzt werden, und zwar nicht nur zur klugen Verteidigung des Standes als Versicherungsmakler, sondern auch zur Festigung, so lautet zumindest die Meinung von Georg Eisenzopf, Akad. Vkfm. Geschäftsführer der SIVAG GesmbH. Seine Überzeugung: Wenn die Versicherungsvermittler es schaffen, so schnell wie möglich mit den Versicherungsunternehmen automatisierte Geschäftsfälle zu verarbeiten, bereits im System vorhandene Daten zu nutzen und die Nähe zu Kundenportal und Kunden-App zu vertiefen, dann wäre ein Grundstein für die Zukunft gelegt. Es braucht eine einheitliche, umfassende Lösung und nicht einzelne Detaillösungen. Der Kunde müsse sich digital bei seinem Versicherungsvermittler wohlfühlen, aber ihn auch persönlich erreichen können. Eisenzopf ist weiters der Meinung, dass es noch nie so viele Möglichkeiten gegeben habe, seinen „Makler“ zu stehen, den Berufsstand zu festigen und die Digitalisierung zu nutzen. Man brauche sich nicht vor der Digitalisierung zu fürchten, sondern man solle sie sich zunutze machen: Versicherungsvergleiche nutzen oder Produkte über die eigene Homepage anbieten. Bereits einige Versicherer haben Produkte und stellen diese den Versicherungsmaklern auch gerne für ihre Homepage zur Verfügung. Einbindung von KSV-Tools zur Datenbeschaffung und viele weitere Möglichkeiten, die es bereits am Markt gibt und die den täglichen Arbeitsablauf digital unterstützen könnten. Ein Blick über den Tellerrand nach Großbritannien zeigt, dass es dort bereits Usus im Privatsegment Schäden ist, alles absolut digital ablaufen zu lassen: Die Schadenmeldungen werden über Handy-App plus Foto gemeldet und müssen weder vom Vermittler noch vom Versicherer bearbeitet werden. Die Werkstätten werden automatisch verständigt und mittels digitalem standardisierten Workflow wird der Schaden repariert und erledigt, bezahlt und abgewickelt. Natürlich gibt es Schadens-Apps auch in Österreich, aber von einer Standardisierung in der Schadensverwaltung sind wir noch meilenweit entfernt.