Unsicherheit ist gekommen, um zu bleiben

von Mag. Christian Sec

FMA-Vorstand Helmut Ettl und Eduard Müller
FMA-Vorstand Helmut Ettl und Eduard Müller

Die Präsentation des FMA-Jahresberichts zeigt, dass die Unsicherheit zu einem dauerhaften Weggefährten der Welt im Allgemeinen und des Finanzmarktes im Speziellen geworden ist. In diesem Umfeld setzt die FMA ihre Aufsichtsschwerpunkte vor allem in der Resilienz und der Nachhaltigkeit des Finanzmarktes, sowie in der Digitalisierung.   

„Die Unsicherheit ist gekommen, um zu bleiben“, so Eduard Müller der gemeinsam mit Helmut Ettl als Doppelspitze der FMA den Jahresbericht der Aufsichtsbehörde präsentierte. „Wenn die Existenz schwarzer Schwäne und anhaltende Unsicherheit als Prämissen im Raum stehen, dann muss man als Aufsicht seinen Radarschirm weit aufspannen, und bei Bedarf flexibel in seinen Schwerpunkten vorgehen“, so Müller. Die drei großen Schwerpunkte sind die Stabilität und Resilienz des Finanzmarktes, Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Im Bereich der Stabilität und Resilienz des Finanzmarktes hat das Einlagensicherungssystem sehr gut funktioniert, wie der Fall der Sberbank Europe gezeigt hat, wie Müller meint. Rund 900 Millionen Euro wurden an die Anleger ausgezahlt. Es ist jetzt gelungen, gemeinsam mit den europäischen Partnern diese Bank in eine geordnete Liquidation zu bringen und damit die Schäden für den Finanzmarkt Österreich und die Einlagensicherung zu vermeiden, erklärt Müller weiter. „Die Einlagensicherung hat die 900 Mio. Euro bereits zurückbezahlt erhalten.“ Jedoch kritisiert Ettl, braucht es zur Vollendung der europäischen Bankenunion noch den Aufbau der 3. Säule, einer europäischen Einlagensicherung. „Banken wachsen international, sterben aber nach wie vor national“. Es sei unverständlich, dass eine inländische Einlagensicherung für ausländische Anleger auszahlen muss. Dieser Punkt muss europäisch gelöst werden, fordert Ettl.

Warnung vor Kryptoassets

Ein zweiter Schwerpunkt der FMA liegt im Bereich der Digitalisierung. Die Digitalisierung bringt für den Markt große Chancen durch Innovation, wenngleich auch häufig das disruptive Element ein Risiko darstellt, so Müller. Mit der Kontaktstelle Fintech, einer der ersten regulatorischen „Innovation Hubs“ in Europa ist die FMA seit 2016 ein Vorreiter in Europa, wie Müller erklärt. Derzeit sind acht Unternehmen in der sogenannten Regulatory Sandbox, einer der ersten aufsichtsrechtlichen Inkubatoren für FinTechs in der EU. Das Ziel dabei ist es, innovative digitale Geschäftsmodelle zur regulatorischen Reife zu entwickeln. Die kritische Haltung der FMA zu Kryptoassets erklärt Müller dadurch, dass diese derzeit abgesehen von der Geldwäscheprävention unbeaufsichtigt und weitgehend im rechtsfreien Raum agieren. Erst 2024 ist mit einer EU-Verordnung und gesetzlichen Rahmenbedingungen für Kryptoassets zu rechnen. „Vor diesem Hintergrund müssen wir davor warnen, weil es hier keine Aufsicht und keine Rahmenbedingungen, die man in anderen Bereichen des Finanzmarktes kennt, gibt“, so Müller. Immerhin 50 Prozent aller Strafanzeigen entfallen derzeit bereits auf den Bereich Krypto. Der dritte Schwerpunkt der FMA ist die Nachhaltigkeit. Der Klimawandel bringt Transitionsrisiken mit sich, also Risiken durch Änderungen in der Politik, der Technologie und des regulativen Umfelds, erklärt Müller. Die Entwicklung in Richtung nachhaltige Veranlagung verläuft exponentiell. Aber immer dort, wo exponentielles Wachstum auf noch nicht ausdifferenziertes Regelwerk trifft, besteht auch ein Risiko des Missbrauchs. „Greenwashing wird uns heuer und den nächsten Jahren stark beschäftigen“. Die FMA wird gefordert sein auf dem Markt ein Level-Playing-Field sicherzustellen aber auch die kollektiven Interessen der Anleger zu schützen, betont Müller.

Banken und Versicherungen solide

Die Banken stehen nach der COVID-Krise solide dar. Die Kapitalquoten haben sich im Vergleich zur letzten großen Finanzkrise 2008 verdoppelt und die notleidenden Kredite sind auf einem historischen Tiefststand. COVID scheint gut verdaut zu sein, aber man kann die Krise trotzdem an den Zahlen ablesen. So sank die Eigenkapitalquote (CET-1) bei den Banken von 16,1 auf 15,7 Prozent. „Die Trendwende bei der Kapitalausstattung erfordert große Aufmerksamkeit und Besonnenheit bei der Ausschüttungspolitik“, so Müller. In diesem Kontext war auch das Dividendenausschüttungsverbot für Müller wichtig. „Hätten wir diese Maßnahmen nicht gesetzt wären die Auswirkungen der Krise viel stärker in den Zahlen zu sehen“. Auch bei den Versicherungsunternehmen zeigen sich einerseits hohe Solvenzquoten, die doppelt so hoch sind, wie gefordert, aber auch Krisensignale. Die Lebensversicherungen sind in der Niedrigzinsphase konsequent unter Druck. „Das anhaltende Niedrigzinsumfeld hat viele Geschäftsmodelle unter Druck gesetzt und viele Anleger in hochriskante Anlagen gedrängt“, so Ettl. Die Gegenmaßnahme war eine Zinszusatzrückstellung mit derzeit rund 1,5 Mrd. Euro Volumen bei Lebensversicherern. Für Investmentfonds war 2021 ein Rekordjahr, mit einem verwalteten Vermögen von 219 Mrd. Euro. Es gab 2021 einen Trend in Richtung risikoreichere Veranlagungen. Vom Sparbuch in Richtung Fonds, von den Fonds in Richtung Aktien und von Aktien in Richtung Derivate und Zertifikate. „Diese Parallelverschiebung in Richtung risikoreichere Veranlagungsformen haben wir auf dem österreichischen Markt beobachten können“. Auch hier erhöhen sich die Risiken, wenn die Vermögen im Privatbereich dahinschmelzen. Ein anderes Risiko, dass sich nun aus der COVID-Krise erhebt, ist der Insolvenzrückstau, der sich aufgrund der massiven Staatshilfen verzögert bemerkbar macht. „Wir sehen bereits einen Anstieg der Insolvenzen“, so Ettl. Hier gilt es das Risiko einzudämmen, sodass die Krise der Realwirtschaft nicht auf die Finanzwirtschaft überschwappt“, so Müller.