Zukunft der Landwirtschaft

Österreichische Hagelversicherung VVaG

v.l. Dr. Kurt Weinberger, Vorstandsvorsitzender Österreichische Hagelversicherung und Matthias Horx, Zukunftsforscher ©ÖHV

Die Landwirtschaft mit dem Produktionsfaktor Boden – einem von drei volkswirtschaftlichen Produktionsfaktoren (Boden, Arbeit und Kapital) – deckt ein Grundbedürfnis aller Menschen: die Nahrung: „Ohne Landwirtschaft kein Essen, ohne Essen kein Leben!“ Aber schon heute – und gerade die aktuelle Situation in der Ukraine führt uns überaus deutlich vor Augen – haben wir bei gewissen Produkten wie Getreide, Kartoffeln, Obst und Gemüse keine ausreichende Selbstversorgung mehr. Und die Situation verschärft sich, weil die Ukraine (ebenso wie Russland) als Exporteur wichtiger Rohstoffe wegfällt und die Rohstoffpreise entsprechend steigen.
Der Vorstandsvorsitzende der Österreichischen Hagelversicherung, Dr. Kurt Weinberger, führt zu den Beweggründen für die Beauftragung der Trendstudie beim Zukunftsinstitut rund um den bekannten Zukunftsforscher Mathias Horx an, dass auch unsere Landwirtschaft von zwei besonderen Spannungslagen geprägt ist: der globalen Erderwärmung und dem heimischen Bodenverbrauch. Diese beiden Herausforderungen gefährden massiv die Versorgungssicherheit als Megathema in den nächsten drei Jahrzehnten! Die Frist, eine Trendumkehr einzuleiten, ist denkbar knapp, betont Dr. Weinberger und hebt hervor, dass zudem beachtet werden muss, welche begleitenden Megatrends den Agrarsektor bis 2050 beeinflussen. Diese aufzuzeigen, sieht er als Auftrag der Österreichischen Hagelversicherung an, damit Entscheidungsträger daraus Maßnahmen ableiten können.
Den aktuellen Status der österreichischen Landwirtschaft skizziert Mathias Horx wie folgt: „Die Landwirtschaft hat sich radikal gewandelt. In den vergangenen Jahrzehnten wurde die landwirtschaftliche Produktion stetig automatisiert. Durch den Bodenverbrauch erfolgt auf immer weniger Agrarflächen eine landwirtschaftliche Produktion. Zusätzlich schwebt das Damoklesschwert des Klimawandels mit den einhergehenden Wetterextremen über einem hoffentlich stabilen Ertrag. Zusätzliche Herausforderungen sind Dumpingpreise von Lebensmitteln und der Wegfall von Arbeitskräften in der Landwirtschaft.“

Folgende Megatrends sind Zukunftstreiber auf dem Land

Neben den allgemein bekannten Megatrends wie Globalisierung, Konnektivität und Urbanisierung, deren spezifische Bedeutung für die Landwirtschaft M. Horx im Detail beleuchtet, identifiziert er drei weitere Megatrends für den Agrarsektor. Megatrend Neo-Ökologie: Ökonomie und Ökologie schließen sich bei der Neo-Ökologie nicht gegenseitig aus. Umweltbewusstsein wird vom individuellen Lifestyle zur gesellschaftlichen Bewegung, Nachhaltigkeit vom Konsumtrend zum Wirtschaftsfaktor: Das Landleben wird neu gedacht, regionale und nicht zuletzt biologische Lebensmittel gewinnen weiter an Bedeutung und der Bodenschutz rückt zunehmend in den Mittelpunkt neo-ökologischen Handelns. Megatrend Gesundheit: Die Gesundheit des Planeten und die Gestaltung unserer Umwelt sind untrennbar verbunden mit unserer individuellen Gesundheit. Vor allem die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, wie sehr Ernährungssouveränität ein Gebot der Stunde ist. Wir brauchen ausreichend Äcker und Wiesen für eine vom Ausland unabhängige, stabile landwirtschaftliche Produktion. Megatrend Sicherheit: Klimawandel und Preisdruck beeinträchtigen das Gefühl der Sicherheit bei hofübernehmenden Generationen, auch wenn es gilt, im digitalisierten und globalisierten 21. Jahrhundert Unsicherheiten auszuhalten.

Welche Landwirtschaft wollen wir 2050?

Ausgehend von den Megatrends entwickelt M. Horx verschiedene Szenarien, wie eine österreichische Landwirtschaft 2050 aussehen könnte. Im schlimmsten Szenario, das er Post-Landwirtschaft 2050 nennt, ist nach ungebremstem Bodenverbrauch und anhaltender Erderwärmung heimische Landwirtschaft nicht mehr möglich und Österreich gibt sie weitgehend auf. Im günstigsten Szenario, von ihm als Robuste, smarte Landwirtschaft 2050 bezeichnet, ersetzen Satelliten und Drohnen weitestgehend die Augen und Ohren der Bauern auf dem Feld, Roboter ihre Hände. Im Einklang mit der Natur und dank Big Data lassen sich Anforderungen und Erträge in der Landwirtschaft präziser vorhersagen – trotz zunehmender Wetterextreme ist die Lebensmittelversorgung durch den Erhalt der noch bestehenden Agrarflächen gewährleistet.
M. Horx schlussfolgert, dass nur ein hoch digitalisierter Agrarsektor mit ausreichend Agrarflächen die Balance zwischen Ernährungssicherheit, Umweltgesundheit und hochwertigen Produkten sicherstellt. Aber was muss getan werden, damit diese smarte, nachhaltige Landwirtschaft 2050 keine Utopie bleibt? Um diese Frage zu beantworten, hat M. Horx vier Handlungsempfehlungen entwickelt. Erstens: Es gilt das allgemeine Verständnis für Landwirtschaft und Landleben zu fördern und Bäuerinnen und Bauern müssen wieder Wertschätzung für ihre Arbeit erfahren, damit auch kommende Generationen noch in der Landwirtschaft arbeiten wollen. Zweitens: Die Politik muss den Preiskampf um landwirtschaftliche Produkte entschärfen und Bäuerinnen und Bauern faire Einkommen und Work-Life-Balance garantieren. Drittens: Der Bodenverbrauch in Österreich muss so schnell wie möglich gestoppt werden. Stadt- und Gemeindeentwicklung darf nicht mehr auf Kosten fruchtbarer Flächen betrieben werden. Viertens: Nachhaltigkeit intensivieren! Österreich muss zum Forschungs- und Entwicklungsstandort für Nachhaltigkeit werden. Mehr Digitalisierung, moderne Tierwohlkonzepte, verstärkter Klimaschutz und wegweisende Pflanzenzüchtungen schaffen Sicherheit unter unsicheren (klimatischen) Bedingungen.

Appell: Gestalten, nicht zerstören!

Es muss ein Umdenken stattfinden, ein neuer Umgang mit der Natur erfolgen, in der der Mensch als ihr Gestalter auftritt, nicht als ihr Zerstörer. Die Lösung liegt jedoch nicht primär in einem „Zurück zur Natur“, sondern in einer klugen Synthese von traditionellen Methoden und neuen Technologien. Dazu Dr. Weinberger: „Die Landwirtschaft ist zweifelsfrei eine Schlüsselbranche für die Zukunft der Menschheit. Wir brauchen sie zum Leben. Von ihr kommen unsere Lebensmittel, sie gestaltet die Schönheit unseres Landes. Niemand kann in die Zukunft sehen, aber wir können sie gestalten. Daher werden wir unsere Initiativen konsequent fortsetzen. Zum Wohle der österreichischen Landwirtschaft und damit zum Wohle der zukünftigen Generationen!“